PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen! Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich!

Dein Sklave und Dein Feind
D. Karamasoff.“

Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff. Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren, unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche Annahme nicht zuließen.

Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt. Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha, von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan, obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser Rückfälle Katjäs haßte, sondern einzig und allein deshalb, weil er den Vater erschlagen hatte! Das fühlte er, und das wußte er. Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen. Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch davon später ...

... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen, plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart ausgerufen hatte: „Du bist es, du, der mich überzeugt hat, daß er der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war. Im Gegenteil, sie hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte er bei sich.

VIII.
Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff

Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer, trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte. Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen:

„Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27]

Will nicht warten hier auf ihn ...“

Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff.