„Mögen auch die Richter meinen selbigen Worten, die ich Euch hier soeben gesagt habe, nicht glauben, so wird man ihnen doch um so mehr im Publikum glauben, und da werdet Ihr Euch schämen müssen.“

„Das soll wohl wieder heißen: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Genuß?‘ – wie?“ fragte Iwan Fedorowitsch, innerlich wutknirschend.

„Da habt Ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ihr werdet doch alsomit als kluger Mensch nicht Dummheiten machen.“

Iwan Fedorowitsch erhob sich. Er fühlte, wie er am ganzen Körper vor verhaltener Wut zitterte. Er zog seinen Mantel an und verließ, ohne Ssmerdjäkoff noch ein Wort zu sagen, ohne auch nur noch einen Blick auf ihn zu werfen, eilig die Stube. Die kühle Abendluft erfrischte ihn. Es war heller Mondschein. Gedanken und Gefühle wogten in ihm, und doch hatte er die Empfindung, als hielten sie ihn wie unter einem Alb gefangen. „Soll ich unverzüglich hingehen und Ssmerdjäkoff anzeigen? Was aber soll ich denn sagen? Er bleibt trotz allem unschuldig. Er wird dann nur noch mich beschuldigen. Ja, in der Tat, warum wollte ich denn damals nach Tschermaschnjä fahren? Warum, warum nur?“ fragte sich Iwan Fedorowitsch. „Ja, natürlich, ich erwartete etwas, und er hat recht ...“ Und wieder erinnerte er sich zum tausendstenmal, wie er in der letzten Nacht im Vaterhause zur Treppe geschlichen war und gelauscht hatte; doch diese Erinnerung bereitete ihm jetzt solche Folterpein, daß er stehen blieb, als wäre er von einem Speer durchbohrt worden. „Ja, ich erwartete es damals, das ist wahr! Ich wollte, ja, ja, ich wünschte, daß dieser Mord geschehe! Wie, habe ich wirklich diesen Mord gewollt? – habe ich ihn gewollt? Ssmerdjäkoff muß totgeschlagen werden! ... Wenn ich jetzt nicht wage, Ssmerdjäkoff zu erschlagen, so lohnt sich ja überhaupt nicht mehr, weiter zu leben! ...“

Iwan Fedorowitsch ging darauf, ohne bei sich zu Hause vorzusprechen, geradeswegs zu Katerina Iwanowna und erschreckte sie maßlos: Er war wie trunken, war wie ein Irrsinniger. Er erzählte ihr sein ganzes Gespräch mit Ssmerdjäkoff, er bemühte sich, kein Wort zu vergessen. Er konnte sich nicht beruhigen, wie sehr sie ihm auch zuredete; er ging im Zimmer umher und sprach so sonderbar, oft ganz zusammenhanglos und in abgerissenen, nicht zu Ende gesprochenen Sätzen. Endlich setzte er sich, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen. Und plötzlich murmelte er einen sonderbaren Aphorismus:

„Wenn nicht Dmitrij erschlagen hat, sondern Ssmerdjäkoff, so bin ich natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn zur Ausführung seiner Absicht angeregt ... ich habe die Ausführung begünstigt ... Habe ich ihn dazu angeregt? – ich weiß es noch nicht. Wenn aber er erschlagen hat und nicht Dmitrij, so bin natürlich auch ich ein Mörder.“

Als Katerina Iwanowna das gehört hatte, erhob sie sich schweigend von ihrem Platz, ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine auf ihm stehende Schatulle und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor Iwan Fedorowitsch auf den Tisch legte. (Dieser Zettel war jenes Dokument, von dem Iwan Aljoscha als von einem „mathematischen Beweise“ dessen, daß Dmitrij den Vater erschlagen habe, gesprochen hatte.) Es war das ein Brief, den Mitjä in der Trunkenheit geschrieben – am selben Abend, nachdem er am Kreuzwege vor dem Kloster mit Aljoscha zusammengetroffen war. Kurz vorher war es bei Katerina Iwanowna in Aljoschas Gegenwart zu jener Szene gekommen, in der Gruschenka sie so unverzeihlich beleidigt hatte. Mitjä war nach der Trennung von Aljoscha zu Gruschenka geeilt; ob er sie gesehen hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls aber war er sehr spät im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ erschienen, wo er sich dann gehörig angetrunken hatte. Darauf hatte er Feder und Papier verlangt und diesen für ihn verhängnisvollen Brief geschrieben. Es war ein schwärmerischer, wortreicher und zusammenhangloser Gefühlserguß, gerade so ein echtes Werk der Trunkenheit. Der Brief erinnerte etwa an die Rede eines Betrunkenen, der, nach Hause gekommen, seiner Frau oder sonst einem Hausgenossen eifrig erzählt, wie man ihn soeben beleidigt habe, was für ein Schuft sein Beleidiger sei, was er selbst dagegen für ein prächtiger Mensch sei, und wie er jenem Schufte heimzahlen werde – alles das unglaublich wortreich und mit Eifer vorgetragen, mit Faustschlägen auf den Tisch und unter trunkenen Tränen. Das Papier, auf dem Mitjä geschrieben hatte, war ein schmutziges Stück gewöhnlichen Schreibpapiers schlechter Qualität, auf dessen Rückseite eine Rechnung stand. Der trunkenen Beredsamkeit hatte das Schreibfeld augenscheinlich nicht genügt, denn Mitjä hatte nicht nur alle Ränder und Ecken beschrieben, sondern die letzten Zeilen sogar noch quer über das bereits Geschriebene gesetzt. Der Brief lautete wie folgt:

„Verhängnisvolle Katjä! Morgen werde ich mir das Geld verschaffen und Dir Deine Dreitausend zurückerstatten. Dann leb wohl, – Du großen Zornes fähiges Weib! Doch leb wohl dann auch meine Liebe! Machen wir ein Ende damit! Morgen werde ich von allen Menschen mir das Geld zu verschaffen suchen, bekomme ich es aber nicht von den Menschen, so – das schwöre ich Dir! – werde ich zum Vater gehn und ihm den Schädel einschlagen und es von ihm unter dem Kissen hervorholen, wenn nur Iwan abreisen würde. Ich werde nach Sibirien zu den Zwangsarbeitern gehen, aber die Dreitausend werde ich Dir zurückgeben. Du aber leb wohl. Ich verneige mich vor Dir bis zur Erde, denn vor Dir stehe ich als Schuft da. Vergib mir, Katjä. Nein, vergib mir lieber nicht: dann wird sowohl mir als auch Dir leichter sein! Lieber Zwangsarbeit als Deine Liebe, denn ich liebe eine andere. Du aber hast sie heute nur zu gut erkannt, wie solltest Du da noch vergeben können!? Ich werde ihn totschlagen, der mich bestohlen hat! Ich gehe fort von Euch allen, gehe weit fort in den Osten, um von niemandem mehr etwas zu wissen. Auch von ihr nicht, denn nicht Du allein bist eine Märtyrerin, auch sie ist eine. Leb wohl!

P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen, und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu müssen.

PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl!