Und er verneigte sich tief vor ihm.

„Ta–ta–ta! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte Heuchelei! Alte Lüge und die alten Faxen der Verbeugungen bis zur Erde! Wir kennen diese Verbeugungen! ‚Einen Kuß auf die Lippen und einen Dolch ins Herz,‘ wie in Schillers Räubern. Ich will keine Falschheit, Väter, ich liebe die Wahrheit! Die aber liegt nicht in den Gründlingen, und das habe ich verkündet! Sie, meine Heiligen, warum fasten Sie denn eigentlich? Warum erwarten Sie dafür Belohnungen im Himmelreich? Für so eine Belohnung würde ja auch ich fasten! Nein, mein heiliger Mönch, sei lieber im Leben wohltätig, bringe lieber, anstatt daß du dich hier zu fertig gebackenen Broten zurückziehst, der Menschheit Nutzen, und ohne dafür noch eine Belohnung dort oben zu erwarten, – das dürfte wohl etwas schwieriger sein. Ew. Hochehrwürden, ich verstehe gleichfalls, schön zu reden. Aber was haben Sie denn hier aufgetischt?“ fragte er, sich plötzlich unterbrechend, und trat näher. „Hm! Portwein, keine üble Nummer, Honig, wahrscheinlich von den Gebrüdern Jelissejeff,[9] ach, ihr heiligen Väter! Das sieht anders aus als Gründlinge! Und auch die Flaschen haben sie nicht vergessen, he–he–he! Wer aber hat das alles hergebracht? Das ist ja der russische Bauer, der Arbeitssklave, der die wenigen Kopeken, die er mit seinen schwieligen Händen verdient, von seinem Munde und seiner Familie abspart, um sie herzubringen trotz der schreienden Not unseres Staates! Nein, ihr, meine heiligen Väter, ihr saugt ja das Volk aus!“

„Das ist von Ihnen wirklich schon mehr als unwürdig,“ sagte Pater Jossiff. Pater Paissij schwieg hartnäckig. Miussoff stürzte hinaus, und ihm folgte Kalganoff.

„Nun, meine Heiligen, nach Pjotr Alexandrowitsch gehe auch ich! Werde nie mehr herkommen, und wenn ihr mich auch auf den Knien darum bätet, komme nicht! Habe euch tausend Rubel geschenkt, da habt ihr jetzt wieder die Ohren gespitzt, he–he–he! Nein, mehr gibt’s nicht! Ich räche mich für meine vergangene Jugend, für meine ganze Erniedrigung!“ rief er in einem Anfall gespielter Empfindsamkeit aus und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Viel hat dieses liebe Kloster in meinem Leben bedeutet! Viel bittere Tränen habe ich seinetwegen vergossen! Ihr habt meine Frau, die Klikuscha, gegen mich aufgehetzt! Ihr habt mich in sieben Kirchen verflucht, habt’s in der ganzen Umgegend verbreitet! Jetzt Strich drunter, meine Väter, heutzutage ist man liberal, jetzt haben wir das Jahrhundert der Dampfschiffe und Eisenbahnen! Nicht tausend, nicht hundert Rubel, nicht hundert Kopeken bekommt ihr mehr von uns zu sehen!“

Noch eine Anmerkung: Niemals hatte unser Kloster etwas Besonderes in seinem Leben bedeutet, und niemals hatte er seinetwegen irgendwelche Tränen vergossen. Er aber ließ sich dermaßen hinreißen, daß er einen Augenblick fast selbst daran glaubte; ihm traten vor Rührung Tränen in die Augen, doch in derselben Sekunde fühlte er, daß es für ihn Zeit war, kehrtzumachen. Der Prior senkte ein wenig den Kopf und sagte auf seine boshafte Lüge wieder mit eindringlicher Stimme:

„Es ist wiederum gesagt: ‚Ertrage freudig das dir zugefügte Unrecht, lasse dich dadurch weder verwirren, noch nähre deswegen Haß gegen deinen Widersacher‘. Also werden auch wir tun.“

„Weiß schon, ‚und halte noch die andere Backe hin!‘ und so weiter, der ganze Gallimatthias! Man kennt doch den Rummel! Aber jetzt gehe ich. Meinen Sohn Alexei nehme ich mit väterlicher Vollmacht ein für allemal von hier fort. Iwan Fedorowitsch, mein gehorsamster Sohn, erlauben Sie, Ihnen zu befehlen, mir zu folgen! Und, von Sohn, was hast du noch hier zu suchen? Komm mit mir in die Stadt! Bei mir ist es lustiger. Im ganzen nur ’ne lumpige Werst, und dafür gibt’s anstatt Fastenbutter Ferkelbraten mit Kartoffelbrei; werden nicht übel schmausen; verspreche dir guten Kognak und nachher noch Likörchen; habe auch Mamurowka[10] ... Ei, von Sohn, versäume doch dein Glück nicht!“

Schreiend und gestikulierend ging er hinaus. Und da erblickte ihn denn Rakitin und machte Aljoscha auf ihn aufmerksam.

„Alexei!“ rief ihm der Vater von weitem zu, als er ihn erblickte, „heute noch ziehe ganz zu mir über, auch das Kissen und das Federbett schlepp mit – daß von dir hier keine Spur mehr nachbleibt, hörst du!“

Aljoscha blieb ganz erstarrt stehen und verfolgte nur schweigend und aufmerksam, was vor seinen Augen geschah. Fedor Pawlowitsch kletterte inzwischen in seinen Wagen, und nach ihm schickte sich schweigend und sichtlich geärgert auch Iwan Fedorowitsch an, einzusteigen, ohne sich vorher von Aljoscha zu verabschieden, oder sich auch nur nach ihm umzuwenden. Da aber kam es noch zu einer lächerlichen und fast unglaublichen Szene, die den ganzen unerhörten Skandal gleichsam abschloß. Plötzlich erschien am Wagentritt der Gutsbesitzer Maximoff. Er war atemlos herangelaufen, um sich nicht zu verspäten. Rakitin und Aljoscha sahen, wie er lief. Er beeilte sich dermaßen, daß er in der Angst, zurückzubleiben, den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte, obgleich auf ihm noch der linke Fuß Iwan Fedorowitschs stand, und, mit der einen Hand sich an den Bockrand klammernd, mehrmals hopste, um schneller einzusteigen.