„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist? Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat ...“
„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an.
„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es war doch alles schon voraus überlegt.“
„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als ich dachte ...“
Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden.
„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen, alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es sein!“
Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde.
„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar eher mitleidig.
„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“
Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach.