„Schweig von dem Entschluß!“ schrie ihn Iwan zornig an.
„Ich verstehe, verstehe schon. C’est noble, c’est charmant. Du gehst morgen hin, um deinen Bruder zu verteidigen, und opferst dich selbst ... C’est chevaleresque ...“
„Schweig! – oder ich gebe dir einen Fußtritt!“
„Zum Teil wird mich das freuen, denn mein Zweck wäre dann erreicht: Gibst du mir einen Fußtritt, so glaubst du folglich an meine Realität, denn einem Fiebergespinst verabreicht man doch keine Fußtritte. Aber weißt du, Scherz beiseite: Mir kann’s ja schließlich egal sein, schimpf nur zu, wenn du Lust hast, aber es ist doch immer besser, etwas höflicher zu sein, wäre es auch nur mir gegenüber. Denn sonst: ‚Dummkopf‘ und ‚Lakai‘ – nun, sag doch selbst, was sind denn das für Worte?“
„Indem ich dich schimpfe – schimpfe ich mich selbst!“ sagte Iwan und lachte wieder kurz auf. „Du bist ich, ich selbst, bloß mit einer anderen Fratze. Du sprichst genau das, was ich schon bei mir denke ... und bist überhaupt nicht imstande, mir etwas Neues zu sagen!“
„Wenn meine Worte mit deinen Gedanken übereinstimmen, so gereicht mir das natürlich nur zur Ehre,“ antwortete der Gentleman zuvorkommend und doch mit persönlicher Würde.
„Bloß nimmst du immer nur meine schlechten Gedanken, und vor allem – die dummen. Dumm und gemein bist du. Furchtbar dumm bist du. Nein, ich kann dich nicht ertragen! Was soll ich tun, was soll ich tun?“ murmelte Iwan wutknirschend.
„Mein Freund, ich will immerhin Gentleman sein und auch als solcher genommen werden,“ begann der Gast in einem Anfall echt schmarotzerhaften, schon im voraus nachgebenden und gutmütigen Ehrgeizes. „Ich bin arm, aber ... das heißt, ich will nicht sagen, daß ich gerade sehr ehrenhaft sei, aber ... es ist doch in der Gesellschaft gewöhnlich als Axiom angenommen, daß ich ein gefallener Engel sei. Aber, bei Gott, ich kann mir noch immer nicht recht vorstellen, auf welche Weise ich einmal ein Engel hätte sein können. Wenn ich es aber wirklich einmal gewesen sein sollte, so muß das jedenfalls schon so lange her sein, daß es, denke ich, keine Sünde sein kann, wenn ich es vergessen habe. Jetzt ist es mir nur um den Ruf eines anständigen Menschen zu tun, und ich lebe, wie es gerade kommt, indem ich mich bemühe, angenehm zu sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – oh, man hat mich in vielen Dingen unglaublich verleumdet! Hier, hienieden, wenn ich zeitweilig wieder einmal zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin, als ob es nun auch was Wirkliches wäre, und das ist es gerade, was mir am meisten gefällt. Denn ich selbst leide doch auch, ganz so wie du, unter dem Phantastischen, und darum liebe ich euren irdischen Realismus. Hier bei euch ist alles bezeichnet, alles ist festgesetzt, hier gibt es Formeln, hier gibt es Geometrie, bei uns aber sind immer nur irgendwelche unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich umher und sinne. Ich liebe das Sinnen. Und zudem werde ich hier auf Erden abergläubisch, – bitte lach nicht: Gerade das gefällt mir, daß ich abergläubisch werde. Ich nehme hier alle eure Angewohnheiten an: es macht mir Spaß, in die öffentliche Badstube zu gehen – kannst du dir das vorstellen? – und ich liebe es, mit Kaufleuten und Popen Schwitzbäder zu nehmen. Meine einzige Schwärmerei ist, mich zu verkörpern – aber endgültig und unwiderruflich – in irgendeine dicke, sieben Pud schwere Kaufmannsfrau und an alles zu glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist – in die Kirche zu gehen und dort von ganzem und reinem Herzen einem Heiligen ein Licht stellen zu können. Bei Gott, so ist es. Dann hätten meine Leiden ein Ende. Ach, richtig, und dann habe ich noch an etwas Gefallen gefunden, das ist: mich hier bei euch zu kurieren. Im Frühling herrschten die Pocken, da ging ich denn ins Findelhaus und ließ mich gegen die Pocken impfen, – nein, wenn du wüßtest, wie zufrieden ich an jenem Tage war! Ich spendete sogar zehn Rubel für unsere malträtierten slawischen Brüder! ... Aber du hörst mir ja gar nicht zu. Weißt du, du bist heute gar nicht wie sonst.“ Der Gentleman verstummte für eine Weile. „Ich weiß, du bist gestern zu jenem Doktor gegangen ... nun, wie steht es mit deiner Gesundheit? Was hat dir der Doktor denn gesagt?“
„Schafskopf!“ schnitt Iwan kurz ab.
„Dafür bist du doch so klug. Willst du wieder schimpfen? Ich habe ja nicht gerade aus Teilnahme gefragt, sondern nur so. Meinetwegen, brauchst ja weiter nicht zu antworten. Jetzt kommt wieder die schöne Jahreszeit, in der das Rheuma zu zwicken anfängt ...“