„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir, das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ... Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren. Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit – daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter, sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚Ah, mon père,‘ antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚Ça lui fait tant de plaisir et à moi si peu de peine!‘ Nun, kannst du dir solch eine Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“
„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll! Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“
„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht ‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die ‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen ... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch, mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten, denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich, daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein ‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit, versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja, daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist: Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat! Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht, welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“
„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“
„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus? Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton à la Heine, wie, du findest das nicht?“
„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“
„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“
„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“ unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham.
„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“
„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“