„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha.
„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“
„Bald wird es zwölf sein.“
„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest, warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum! Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ... aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf und begann wieder auf und ab zu schreiten.
„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange.
„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen, von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen, wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ... Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm, willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den Ssamowar anmachen lassen. C’est à ne pas mettre un chien dehors ...“
Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser, beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn.
„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie. Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie! Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha, daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“
„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte Aljoscha.
„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht. Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige, alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘, er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau, tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu, „ich wünschte, daß er wirklich er wäre und nicht ich!“