„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, fast vergehend vor Angst, doch immer noch in der Hoffnung, Iwan zur Vernunft zu bringen, „wie konnte er dir denn von Ssmerdjäkoffs Selbstmord Mitteilung machen, wenn noch niemand etwas davon wußte? Und es war ja doch noch viel zu wenig Zeit vergangen, als daß es jemand schon hätte wissen können ...“
„Er hat aber davon gesprochen, er sagte es mir,“ behauptete Iwan kurz, ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen. „Wenn du willst, hat er überhaupt nur davon gesprochen. ‚Ich will nicht sagen, wenn du an die Tugend glaubtest,‘ sagte er, ‚wenn du dir sagtest: so mag man mir nicht glauben, ich gehe aus Überzeugung, aus Prinzip. Aber du bist doch ein Schwein, wie Fedor Pawlowitsch, was ist dir Tugend? Wozu also schleppst du dich hin, wenn dein Opfer zu nichts nütze ist? Ganz einfach, weil du selbst nicht weißt: warum und wozu! Oh, viel würdest du darum geben, wenn du wüßtest, wozu du gehst! Und du glaubst, du habest dich schon entschlossen? Du hast dich also noch nicht entschlossen? Ich sage dir: Du wirst die ganze Nacht sitzen und dich fragen: soll ich oder soll ich nicht? Aber du wirst trotzdem gehen, und du weißt, daß du gehen wirst, weißt selbst, daß – zu was du dich auch entschließen solltest – die Entscheidung nicht mehr von dir abhängt. Du wirst gehen, weil du nicht wagen wirst, nicht zu gehen. Warum du es nicht wagen wirst – das errate nun selbst, da hast du jetzt ein Rätsel!‘ Er stand auf und ging. Du kamst, er aber ging fort. Aljoscha, er nannte mich einen Feigling! Le mot de l’énigme –: daß ich ein Feigling bin! ‚Denn wahrlich, anders sind jene Adler geartet, die sich über die Erde erheben und emporschwingen können!‘ Das fügte er noch hinzu, das hat er noch hinzugefügt! Und Ssmerdjäkoff hat dasselbe gesagt! ... Man muß ihn totschlagen! Katjä verachtet mich, das sehe ich schon seit einem ganzen Monat, und auch Lisa wird anfangen, mich zu verachten! ‚Du gehst, damit man dich lobe,‘ – das ist eine tierische Lüge! Und du verachtest mich gleichfalls, Aljoscha. Jetzt hasse ich dich wieder! Und den Auswurf hasse ich, den Auswurf, den Auswurf, das Ungeheuer!! Ich will das Scheusal nicht retten, mag es dort in Sibirien unter der Erde verfaulen! Er singt die Hymne! Oh, morgen werde ich hingehn, werde mich vor sie stellen und ihnen allen in die Augen speien!“
Außer sich sprang er auf, schleuderte das Handtuch fort und begann von neuem auf und ab zu gehen. Aljoscha fielen seine Worte ein, die er kurz vorher gesagt hatte: „Als ob ich im Wachen schliefe ... Ich gehe, spreche und sehe, dabei aber schlafe ich.“ Genau so geschah es auch jetzt: er ging, sah und sprach, als wenn er im Wachen schlief. Aljoscha verließ ihn nicht. Ihm kam wohl der Gedanke, zum Arzt zu laufen und diesen herzubringen, aber er wagte nicht, den Bruder allein zu lassen. Iwan schien allmählich die Besinnung zu verlieren. Er sprach ununterbrochen weiter, doch seine Rede war schon ganz zusammenhanglos. Zuletzt konnte er die Worte nur mit Mühe und nur noch undeutlich aussprechen, und plötzlich wankte er stark. Doch Aljoscha gelang es, ihn noch zur rechten Zeit zu stützen. Iwan ließ sich zum Bett führen, Aljoscha entkleidete ihn, so gut es ging, und deckte ihn zu. Darauf saß er noch etwa zwei Stunden lang am Bett und wachte. Der Kranke schlief fest, regungslos, und atmete leise und gleichmäßig. Da nahm Aljoscha ein Kissen und legte sich in den Kleidern auf den Diwan hin. Vor dem Einschlafen betete er noch für Mitjä und für Iwan. Jetzt wurde ihm auch Iwans Krankheit klar: „Die Qualen eines stolzen Entschlusses, ein tiefes Gewissen!“ Der Gott, an den er nicht glaubte, und seine Wahrheit hatten das Herz bewältigt, das sich noch immer nicht hatte ergeben wollen. „Ja,“ ging es Aljoscha durch den Sinn, als sein Kopf schon auf dem Kissen lag, „da Ssmerdjäkoff jetzt tot ist, wird niemand mehr dieser Aussage Iwans glauben; aber er wird hingehen und so aussagen!“ Aljoscha lächelte still: „Gott wird siegen!“ dachte er. „Entweder wird er im Licht der Wahrheit auferstehen oder ... im Haß untergehen, und sich dabei an sich selbst und an allen dafür rächen, daß er dem gedient hat, woran er nicht glaubt,“ fügte Aljoscha bitter und schmerzlich hinzu und betete nochmals für Iwan.
Zwölftes Buch.
Der Justizirrtum
I.
Der verhängnisvolle Tag
Am Tage nach den von mir wiedergegebenen Ereignissen wurde um zehn Uhr morgens die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und die Gerichtsverhandlung gegen Dmitrij Karamasoff nahm ihren Anfang.
Ich muß nun vorausschicken, daß es weit über meine Kräfte geht, alles, was sich vor Gericht ereignet hat, ausführlich oder auch nur in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Ich glaube, daß, wenn alles erzählt und wie es sich gehört erläutert werden sollte, ein ganzes Buch, und zwar ein umfangreiches, geschrieben werden müßte. Möge man es mir daher nicht verübeln, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich einen Eindruck gemacht hat, und wessen ich mich besonders erinnere. Vielleicht habe ich Nebensächliches für Hauptsächliches gehalten und die wesentlichsten Punkte ganz übersehen ... Übrigens, wie ich sehe, täte ich besser, mich nicht weiter zu entschuldigen, sondern einfach mit der Erzählung zu beginnen. Ich werde so erzählen, wie ich es verstehe, und die Leser werden zum Schluß selbst einsehen, daß ich mein möglichstes getan habe.
Doch will ich noch vorausschicken, bevor wir den Gerichtssaal betreten, was mich an diesem Tage ganz besonders in Erstaunen gesetzt hat, und eigentlich nicht nur mich allein, sondern, wie sich später gezeigt hat, alle. Jeder wußte, daß sehr viele sich für diesen Prozeß interessierten, daß alle mit Ungeduld gefragt und erwartet hatten, wann er endlich zur Verhandlung kommen werde, daß man seit zwei Monaten in unserer Gesellschaft viel über ihn gesprochen, die verschiedensten Vermutungen geäußert, sich über ihn aufgeregt und ganz Unglaubliches zusammenphantasiert hatte. Auch wußten alle, daß die Sache in ganz Rußland bekannt und berühmt geworden war. Dennoch hatte man nicht erwartet, daß sie so aufregend und in so hohem Maße erschütternd hätte werden können. Zu dieser Gerichtsverhandlung waren nicht nur aus Städten unseres Gouvernements, sondern auch aus anderen Städten Rußlands und schließlich aus Moskau und aus Petersburg viele angekommen, am meisten natürlich Juristen, aber es waren auch einige hohe Persönlichkeiten und sogar Damen unter ihnen. Alle Billette waren vergriffen. Für die höchststehenden, vornehmen und angesehenen Besucher unter diesen waren besondere Plätze, gleich hinter dem Tisch, an dem die Richter saßen, eingerichtet worden; dort sah man nun eine ganze Reihe Lehnstühle, in denen würdige Personen der Sitzung beiwohnten, was bei uns früher nie zugelassen worden war. Damen waren auffallend zahlreich zugegen, sowohl Damen aus unserer Stadt, als fremde, – ich glaube, sie machten nicht viel weniger als die Hälfte des gesamten Publikums aus. Allein der von allen Seiten zugereisten Juristen gab es so viele, daß man nicht wußte, wo man sie unterbringen sollte, da die Billette schon vor langer Zeit erbeten, geradezu erfleht und restlos verteilt worden waren. Ich habe selbst gesehen, wie man am Ende des Saales, hinter der Estrade, in aller Eile eine besondere Einfriedigung herrichtete, in die dann alle diese fremden Juristen hineingelassen wurden: und die hielten sich noch für glücklich, daß sie wenigstens stehend zuhören konnten – denn die Stühle waren, um Platz zu gewinnen, alle hinausgebracht worden. So stand denn diese dichtgedrängte Schar buchstäblich Schulter an Schulter während der ganzen Gerichtsverhandlung. Einige von den Damen, hauptsächlich von den angereisten, erschienen auf dem Chor des Saales in eleganten Toiletten, doch die Mehrzahl von ihnen hatte über dem Interesse für die Sache selbst den Putz vergessen. In ihren Gesichtern las man fieberhafte, fast krankhaft gesteigerte Neugier. Hier muß ich noch einer charakteristischen Besonderheit dieser im Saal versammelten Gesellschaft Erwähnung tun: sie bestand darin, daß – wie sich auch später durch vielfache Beobachtungen bestätigt hat – fast alle Damen, oder wenigstens die übergroße Mehrzahl von ihnen, für Mitjä und seine Freisprechung Partei nahm. Vielleicht geschah das hauptsächlich darum, weil sich von ihm die Vorstellung er sei ein Eroberer aller Weiberherzen, weit verbreitet hatte. Man wußte, daß zwei Frauen, zwei Gegnerinnen, erscheinen würden. Für die eine von ihnen, Katerina Iwanowna, interessierte man sich allgemein und ganz besonders. Man erzählte sich ungeheuer viel Außergewöhnliches über sie, hauptsächlich kursierten über ihre leidenschaftliche Liebe zu Mitjä, trotz seines Verbrechens, wahrhaft wundernehmende Geschichten, und nicht weniger sprach man von ihrem Stolz (sie hatte in unserer Stadt so gut wie niemandem Visite gemacht) und ihren „aristokratischen Verbindungen“. Man behauptete sogar, sie beabsichtige, die Regierung um die Erlaubnis zu bitten, den Verbrecher nach Sibirien begleiten zu dürfen, um sich mit ihm dort irgendwo in den Erzgruben unter der Erde trauen zu lassen. Mit nicht geringer Spannung wurde das Erscheinen Gruschenkas vor Gericht erwartet; war sie doch die „Rivalin“ Katerina Iwanownas. Mit geradezu hysterischer Neugier sah man der Begegnung der beiden entgegen – des stolzen aristokratischen Mädchens und der „Hetäre“. Übrigens war Gruschenka unseren Damen bekannter als Katerina Iwanowna. Man hatte sie, die „Vernichterin Fedor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes“, auch früher schon gesehen, und alle ohne Ausnahme wunderten sich darüber, wie Vater und Sohn sich in eine solche „ganz gewöhnliche, eigentlich überhaupt nicht hübsche russische Kleinbürgerin“ dermaßen hatten verlieben können. Kurz, es war nicht wenig gesprochen worden. Ich weiß sogar genau, daß es in unserer Stadt Mitjäs wegen zu mehreren ernsten Zwistigkeiten zwischen Eheleuten gekommen war: viele Damen hatten sich wegen der Verschiedenheit ihrer Auffassung dieser ganzen Angelegenheit mit ihren Männern aufs tragischste überworfen, und daher ist es ja schließlich nur zu begreiflich, daß die Männer dieser Damen – und es waren ihrer nicht wenige –, als sie nun im Gerichtssaal erschienen, gegen den Angeklagten nicht nur voreingenommen waren, sondern ihn in ihrer Erbitterung sogar aufrichtig haßten. Überhaupt kann man sagen, daß, im Gegensatz zum weiblichen Elemente, das ganze männliche gegen Mitjä gestimmt war. Man sah ernste, mürrisch-finstere Gesichter, viele waren sogar unverhohlen wütend, und das war noch obendrein die Mehrzahl. Allerdings kommt hinzu, daß Mitjä während seines Aufenthaltes bei uns viele Herren persönlich gekränkt oder geärgert oder womöglich eifersüchtig gemacht hatte. Natürlich waren einige von den Anwesenden sogar lustig gestimmt, und die standen denn auch dem Schicksal Mitjäs im Grunde völlig teilnahmlos gegenüber; dafür aber hatten sie für den „Fall an sich“ um so mehr Interesse. Alle waren lebhaft auf seinen Ausgang gespannt, die Mehrzahl der Männer wünschte entschieden die Bestrafung des Verbrechers, abgesehen vielleicht von den Juristen, denen es nicht um die sittliche Seite der Sache zu tun war, sondern nur um die sozusagen zeitgenössisch-juridische. Diese Herren regte denn auch am meisten die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch auf. Sein Talent war weit und breit bekannt, und es geschah diesmal nicht zum erstenmal, daß er in die Provinz kam, um in einer so aufsehenerregenden Kriminalverhandlung die Verteidigung zu übernehmen. Nach seiner Verteidigung waren solche Prozesse immer in ganz Rußland berühmt geworden und lange in der Erinnerung geblieben. Auch über unseren Staatsanwalt Hippolyt Kirillowitsch und den Vorsitzenden des Gerichtshofes war viel gesprochen worden. Man erzählte sich, daß Hippolyt Kirillowitsch vor diesem „Zweikampf“ mit Fetjukowitsch zittere, daß sie noch von Petersburg her alte Feinde seien, bereits seit dem Anfang ihrer Laufbahn, daß unser eigenliebiger Hippolyt Kirillowitsch, der sich beständig für zurückgesetzt und durch irgend jemanden schon seit seiner Petersburger Zeit für beleidigt halte, da man sein Talent nicht in gebührender Weise anzuerkennen wisse, sich sogar mit dem Gedanken getragen habe, seiner etwas welk gewordenen Karriere durch den „Fall Karamasoff“ wieder neues Leben einzuflößen, daß ihn aber Fetjukowitschs Erscheinen erschreckt und entmutigt habe. Doch muß ich hierzu bemerken, daß diese Beurteilung seines Charakters nicht ganz zutreffend war. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu den Charakteren, die der Mut vor der Gefahr verläßt, sondern im Gegenteil, er gehörte zu denen, deren Eigenliebe nach Maß der Zunahme der Gefahr sich vergrößert, und denen dann womöglich noch Schwingen wachsen. Überhaupt muß ich hier bemerken, daß Hippolyt Kirillowitsch ein auffallend hitziger und krankhaft empfindlicher Mensch war. In gar manche Sache hatte er seine ganze Seele hineingelegt und sie geführt, als wenn von ihrer Entscheidung sein ganzes Schicksal und all sein Hab und Gut abhinge. Unter den Juristen wurde darüber ein wenig gelächelt, denn unser Staatsanwalt hatte gerade durch diese seine Eigenschaft einen gewissen Ruf erlangt, wenn auch gerade keinen sehr großen, so doch jedenfalls einen weit größeren, als man es im Hinblick auf seine bescheidene Stellung an unserem Gerichtshof hätte voraussetzen können. Am meisten spöttelte man wohl über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner Ansicht nach haben sich alle geirrt: unser Staatsanwalt war, als Mensch und Charakter, wie mir wenigstens scheint, viel ernster, als viele von ihm glaubten. Dieser kränkliche Mensch hatte nun einmal nicht verstanden, sich eine Stellung zu schaffen; wahrscheinlich hatte er es gleich zu Anfang seiner Laufbahn versäumt, und dabei war es denn auch während des ganzen weiteren Lebens geblieben.
Was den Vorsitzenden betrifft, so läßt sich über ihn nicht viel mehr sagen, als daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der seine Sache und selbst die neuesten Ideen kannte. Zwar war er ziemlich ehrgeizig, doch bekümmerte er sich nicht sonderlich um seine Karriere. Das Hauptziel seines Lebens bestand darin, in jeder Beziehung wenigstens einer von den ersten zu sein. Außerdem erfreute er sich guter Verbindungen und besaß Vermögen. Den „Fall Karamasoff“ faßte er, wie sich später zeigte, recht temperamentvoll auf, doch tat er es eigentlich mehr im allgemeinen Sinne: ihn beschäftigte die Tatsache als solche, ihre Klassifikation, die Auffassung derselben als Produkt unserer sozialen Grundlagen, als Charakteristik des russischen Elements usw. usw. Zum persönlichen Charakter der Sache, zur Tragödie, die in ihr lag, wie auch zu den beteiligten Personen, angefangen vom Angeklagten, verhielt er sich ziemlich gleichgültig und rein sachlich, wie es vielleicht auch das einzig Richtige für ihn war – von seinem Standpunkte aus.
Der große Saal war schon lange vor dem Erscheinen des Gerichtshofes gepreßt voll. Dieser Gerichtssaal ist in unserer Stadt der schönste und beste: er ist sehr groß, hat eine hohe Decke und gute Akustik. Rechts von den Plätzen der Herren des Gerichtshofes, die erhöht standen, waren ein Tisch und zwei Reihen Sessel für die Geschworenen; links der Platz des Angeklagten und seines Verteidigers. Ungefähr in der Mitte des Saales stand ein Tisch, auf dem die „Sachbeweise“ lagen: der blutbefleckte weißseidene Schlafrock Fedor Pawlowitschs, die verhängnisvolle Mörserkeule, mit der, wie man mit Bestimmtheit annahm, der Mord vollführt worden war, Mitjäs Hemd mit der blutbefleckten Manschette, sein Rock, der auf der Rückseite über der Tasche (in die Mitjä damals sein blutdurchtränktes Taschentuch gesteckt hatte) große Blutflecke aufwies, ferner dieses Taschentuch, das vom Blut inzwischen ganz hart und gelb geworden war, die Pistole, die Mitjä bei Perchotin geladen hatte, und die von Trifon Borissytsch in Mokroje heimlich versteckt worden war, das Kuvert, in dem die für Gruschenka bereitgehaltenen Dreitausend gelegen hatten, und das dünne rosa Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch verschiedene andere Gegenstände, deren ich mich nicht mehr erinnere. Und dann erst, in einiger Entfernung von diesem Tisch, begannen die Plätze fürs Publikum; doch noch vor diesen, also noch vor der Ballustrade, standen ein paar Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die nach ihrem Verhör noch im Saale bleiben sollten. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, der aus dem Vorsitzenden, einem Beisitzer und einem Friedensrichter bestand. Selbstverständlich erschien sofort auch der Staatsanwalt. Der Vorsitzende war ein wohlbeleibter, stämmiger Mann, dabei nicht einmal mittelgroß, mit einem Hämorrhoidalgesichte, etwa fünfzig Jahre alt, mit dunklem, erst leicht ergrautem Haar, das er ganz kurzgeschoren trug, und mit einem roten Ordensbande (welch ein Orden daran hing, habe ich vergessen). Der Staatsanwalt erschien mir – und nicht nur mir allein, sondern allen – auffallend bleich, sein Gesicht war fast grün. Er schien ganz plötzlich abgemagert zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht, denn noch vor drei Tagen war ich ihm begegnet, und da hatte er wie gewöhnlich ausgesehen. Der Vorsitzende begann mit der Frage an den Gerichtsvollstrecker: „Sind alle Geschworenen erschienen? ...“ Aber ich sehe schon, daß ich in dieser Weise nicht fortfahren kann, schon allein deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört habe (manches Schleierhafte habe ich versäumt, mir klarzumachen, vieles habe ich vergessen oder mir nicht genau gemerkt), doch hauptsächlich darum nicht, weil man sonst, wenn man alles genau wiedergeben wollte, wie ich schon vorhin gesagt habe, so viel darüber zu schreiben hätte, wie es mir weder Zeit noch Raum erlauben. Ich weiß von den ersten Vorgängen nur noch, daß von den Geschworenen einer- und andererseits, d. h. durch den Verteidiger und den Staatsanwalt, nur wenige ausgeschieden wurden. Der zwölf Geschworenen selbst erinnere ich mich noch sehr gut: es waren das vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und Kleinbürger aus unserer Stadt. In unserer Gesellschaft hatten viele, besonders Damen, schon lange vor der Gerichtssitzung nicht ohne einige Verwunderung gefragt: „Ist es möglich, daß man eine psychologisch so feine und komplizierte Sache irgendwelchen Beamten und gar Bauern zur folgenschweren Entscheidung übergibt, und was werden denn diese Leute davon verstehen?“ Es ist ja wahr, alle diese vier Beamten, die zu den zwölf Geschworenen gehörten, waren schließlich kleine Leute von niedrigem Range, Männer mit grauem Haar – nur einer von ihnen schien etwas jünger zu sein –, die in unserer Gesellschaft wenig bekannt waren, von geringem Gehalt ihr Leben fristeten, wahrscheinlich alte Frauen hatten, die man niemandem zeigen kann, und dazu eine ganze Horde vielleicht sogar barfüßiger Kinder, – Männer, für die es viel war, wenn sie sich in ihren Mußestunden mit einer Partie Karten zerstreuen konnten, und die – das versteht sich natürlich von selbst – noch nie ein Buch gelesen hatten. Die beiden Kaufleute sahen allerdings sehr ehrbar und gesetzt aus, doch waren sie eigentümlich schweigsam und unbeweglich; der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug deutsche Kleidung, der andere hatte einen grauen Bart, und auf seiner Brust hing an einem roten Bande irgendeine Medaille. Von den Kleinbürgern und Bauern lohnt sich natürlich überhaupt nicht zu reden. Unsere Skotoprigonjewskschen Bauern sind nicht anders als alle Bauern, sie mähen sogar. Zwei von ihnen waren gleichfalls in deutscher Kleidung erschienen und sahen vielleicht gerade darum unsauberer und unansehnlicher aus als die anderen vier in schlichten russischen Röcken. So war es denn schließlich begreiflich, wenn viele sich bei ihrem Anblick fragten – wie auch ich es tat –: „Was können denn die von einer solchen Sache verstehen!“ Doch dessen ungeachtet, mußte man zugeben, daß ihre Gesichter einen ganz sonderbar tiefen und fast drohenden Eindruck machten. Sie sahen streng und finster aus.