II.
Die gefährlichen Zeugen
Ich weiß nicht, ob die Zeugen des Staatsanwalts und die des Verteidigers vom Vorsitzenden in zwei Gruppen eingeteilt worden waren und in einer gewissen, vorher bestimmten Reihenfolge aufgerufen wurden. Doch muß es wohl so gewesen sein, denn die ersten Zeugen, die man verhörte, waren die des Staatsanwalts. Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht beabsichtige, das ganze Verhör Wort für Wort wiederzugeben. Zudem würde eine solche Beschreibung ganz unnötig sein, da in der Anklage- wie in der Verteidigungsrede des Staatsanwalts und des Verteidigers das ganze Ergebnis aller abgegebenen Zeugnisse gleichsam in einen Punkt unter greller und charakteristischer Beleuchtung zusammengefaßt wurden. Diese beiden bemerkenswerten Reden habe ich wenigstens zum Teil vollständig aufgeschrieben, um sie dann an gegebener Stelle anführen zu können, sowie auch eine ganz außergewöhnliche und unerwartete Episode der Verhandlung, die sich kurz vor den Plaidoyers abspielte und auf den grausamen und verhängnisvollen Urteilsspruch einen großen Einfluß hatte. Ich bemerke nur noch, daß es schon von den ersten Augenblicken der Gerichtsverhandlung an allen auffiel, wie groß im vorliegenden Prozeß die Wucht der Anklagen war, im Vergleich zu den Entlastungsbeweisen, über die der Verteidiger verfügte. Das begriffen alle, als das Verhör in diesem unheimlichen Saale begann, als die Tatsachen sich zu gruppieren anfingen, und allmählich der ganze Schrecken dieser blutigen Tat so deutlich vor unser Auge trat. Vielleicht wurde es schon nach den ersten Augenblicken allen klar, daß die Sache ja ganz unbestreitbar war, und überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen ließ, daß im Grunde genommen irgendwelche Plaidoyers gar nicht mehr nötig waren, daß sie nur der Form wegen gehalten werden mußten, der Angeklagte jedoch „schuldig, unwiderruflich schuldig“ sei. Ich glaube sogar, daß alle Damen, die ausnahmslos die Freisprechung dieses interessanten Verbrechers wünschten, zu gleicher Zeit von seiner Schuld vollkommen überzeugt waren. Ja, wie mir schien, würden sie sich sogar beleidigt gefühlt haben, wenn man an seiner Schuld gezweifelt hätte, denn der Effekt seiner Freisprechung hätte dann nicht so groß sein können. Daß man ihn aber freisprechen werde, davon waren sie sonderbarerweise bis zum letzten Augenblick fest überzeugt. „Schuldig ist er, das ist wahr, man wird ihn aber aus Humanität freisprechen, auf Grund der neuen Ideen und neuen Gefühle, die jetzt überall aufgekommen sind“ usw. usw. Darum waren sie auch mit solcher Unruhe in der Erwartung dieser Freisprechung herbeigeeilt. Die Männer wiederum interessierte am meisten der Kampf des Staatsanwalts mit dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich verwundert: „Was wird denn selbst ein solches Talent wie Fetjukowitsch, aus einer so verlorenen Sache, aus einem so ausgeblasenen Ei, noch machen können?“ Und man verfolgte mit angestrengter Aufmerksamkeit jeden seiner Schachzüge. Doch Fetjukowitsch blieb allen bis zum Schluß – bis zu seiner Rede – ein Rätsel. Erfahrenere Leute errieten denn auch, daß er etwas aufzustellen beabsichtigte, daß er nach einem System vorging und ein Ziel vor sich hatte, doch was für eines das war – das konnten auch sie nicht sagen. Vor allem fielen seine Sicherheit und sein Selbstvertrauen auf. Außerdem bemerkte man mit Genugtuung, daß er, trotz seines kurzen Aufenthaltes in unserer Stadt – er war erst vor drei Tagen angekommen – sich mit der Sache doch schon gründlich bekannt gemacht und sie bis in alle Einzelheiten studiert hatte. Mit wahrer Wonne erzählte man sich später, wie er alle Zeugen des Staatsanwalts „hineingelegt“ hatte, um sie nach Möglichkeit zu kompromittieren, und wie er ihren hohen Sittlichkeitsansprüchen Fallen gestellt, um auf diese Weise auch den Wert ihrer Aussagen zu untergraben. Übrigens behaupteten viele, daß er damit sozusagen nur gespielt habe, um juristisch zu glänzen, und damit keiner der Advokatenkniffe unbenutzt bliebe; war man doch überzeugt, daß alle diese Kniffe ihm trotzdem keinen großen und ausschlaggebenden Nutzen bringen konnten, und daß er selbst das wohl am besten wußte. „Gewiß hat er irgend etwas im Hinterhalte bereit, irgendeine Waffe, die er dann plötzlich im richtigen Augenblick hervorziehen wird. Anfänglich aber spielt er noch und treibt nur Mutwillen, da er ja seiner Sache sowieso sicher ist.“ Zum Beispiel, als man den früheren „Kammerdiener“ Fedor Pawlowitschs, Grigorij Wassiljewitsch, verhörte, und dieser die allerwichtigste Aussage in betreff der offenen Tür machte, da begann der Verteidiger, als an ihn die Reihe kam, den Zeugen zu verhören, dem Alten mit Fragen gehörig auf den Leib zu rücken. Ich muß dazu bemerken, daß Grigorij Wassiljewitsch, der sich weder durch das Gericht, noch durch die Anwesenheit des zahlreichen ihm zuhörenden Publikums einschüchtern ließ, mit ruhiger, fast überlegener Miene dastand. Seine Aussagen machte er mit einer Sicherheit, als hätte er mit Marfa Ignatjewna geplaudert, allenfalls nur ein wenig ehrerbietiger. Ihn aus dem Konzept zu bringen, war unmöglich. Zuerst fragte ihn der Staatsanwalt über alle Einzelheiten der Familie Karamasoff aus, wobei das Familienbild deutlich und grell hervortrat. Man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig, treuherzig und unparteiisch war. Bei aller Ehrerbietung, die er für seinen ermordeten Herrn bewahrte, erklärte er doch, daß der Herr Mitjä gegenüber nicht recht gehandelt und für die Erziehung der Kinder nicht pflichtmäßig gesorgt habe. „Den kleinen Jungen hätten, wenn ich nicht dagewesen wäre, die Läuse gefressen,“ fügte er noch hinzu, als er seine Erzählung über Mitjäs Kinderjahre beendet hatte. „Auch hat der Vater den Sohn am Erbe seiner leiblichen Mutter geschädigt.“ Auf die Frage des Staatsanwalts, worauf er seine Aussage – daß der Vater seinen Sohn übervorteilt oder „geschädigt“ habe – begründe, konnte Grigorij Wassiljewitsch zur Verwunderung aller gar keine Belege angeben, doch bestand er nichtsdestoweniger fest darauf, daß die Abrechnung mit dem Sohne eine „unrichtige“ gewesen sei und der Vater diesem noch einige Tausend hätte auszahlen müssen. Ich bemerke hier zur Sache, daß diese Frage, – ob Fedor Pawlowitsch Mitjä wirklich nicht alles ausgezahlt hatte – vom Staatsanwalt mit besonderer Beharrlichkeit auch an alle anderen Zeugen, die er nur danach fragen konnte, gestellt wurde, Aljoscha und Iwan Fedorowitsch nicht ausgenommen. Doch von keinem dieser Zeugen konnte er eine genaue Aussage erhalten; alle bejahten sie die Tatsache, aber keiner von ihnen konnte irgendeinen Beweis vorbringen. Die Schilderung der Szene nach Tisch, als Dmitrij Fedorowitsch den Vater geschlagen und ihm gedroht hatte, wiederzukommen und ihn dann einfach totzuschlagen, machte einen niederschmetternden Eindruck auf das Publikum im Saal, um so mehr, als der alte Diener sie ruhig und ohne überflüssige Worte in seiner eigenartigen Sprache erzählte, so daß ihre Wiedergabe geradezu schön und packend war. Über die Kränkung, die er durch Mitjä, der ihn doch zu Boden geschlagen, erfahren hatte, bemerkte er nur, daß er sie ihm längst verziehen habe. Über den verstorbenen Ssmerdjäkoff sagte er nur aus, indem er sich bekreuzte, daß der arme zwar einige Fähigkeiten besessen habe, dafür aber dumm, von der Krankheit „geknechtet“ und dazu noch gottlos gewesen sei, und daß diese Gottlosigkeit ihn sowohl Fedor Pawlowitsch als sein Sohn Iwan Fedorowitsch gelehrt hätten. Doch auf der Ehrlichkeit Ssmerdjäkoffs bestand er fast mit Heftigkeit und erzählte sofort, wie Ssmerdjäkoff seinerzeit das verlorene Geld des Herrn gefunden und es sich nicht eingesteckt, sondern unverzüglich dem Herrn übergeben hatte, und wie der Herr ihm dafür „zehn Rubel“ geschenkt und seit der Zeit ihn in allem zu seinem Vertrauten gemacht habe. Doch blieb er auf seiner Aussage in betreff der offenen Tür der Gartenfassade mit seiner ganzen Hartnäckigkeit bestehen. Übrigens fragte man ihn so viel, daß ich mich nicht aller Aussagen erinnern kann. Endlich kam die Reihe an den Verteidiger, und der fragte ihn zuerst über das Geldpaket aus, in dem sich die „gewissen“ dreitausend Rubel für eine „bestimmte Person“ befunden haben sollten. „Haben Sie dieses Paket gesehen, Sie, der Sie als langjähriger Diener Ihrem Herrn so nahe standen?“ Grigorij antwortete, daß er es nicht gesehen und von diesem Gelde nichts gehört habe, „bis zu der Zeit, wo jetzt alle davon zu sprechen angefangen haben“. Diese Frage nach dem Geldpaket stellte Fetjukowitsch an alle, an die er sie als Zeugen nur stellen konnte, und zwar mit eben solcher Hartnäckigkeit, wie der Staatsanwalt seine Frage nach der Erbschaftsangelegenheit wiederholte, doch von allen erhielt er nur die eine Antwort, daß niemand das Paket gesehen, jedoch ein jeder seit zwei Monaten viel von ihm gehört habe. Die Hartnäckigkeit des Verteidigers in dieser Frage hatten alle gleich von Anfang an bemerkt.
„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie mit der Frage wende,“ sagte plötzlich und ganz unerwartet Fetjukowitsch, „woraus dieser Balsam bestand, oder der sogenannte Kräuteraufguß, mit dem Sie an jenem Abend, vor dem Schlafengehen, Ihr schmerzendes Kreuz eingerieben haben, in der Hoffnung, sich damit zu kurieren?“
Grigorij sah stumpfsinnig den Fragenden an und brummte nach einigem Schweigen:
„Salbei war drin.“
„Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht noch irgendeiner Zutat?“
„Wegerich war auch drin.“
„Und auch Pfeffer vielleicht?“ fragte interessiert Fetjukowitsch.
„Auch Pfeffer war dabei.“
„Und so weiter. Und alles das in Branntwein?“