Ich erwähnte schon einmal, wie Grigorij, der Diener, Adelaida Iwanowna, die erste Frau Fedor Pawlowitschs und die Mutter Dmitrij Fedorowitschs gehaßt, und wie er dagegen die zweite Frau, die Klikuscha Ssofja Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn verteidigt hatte und überhaupt gegen jeden, der es sich einfallen ließ, ein leichtfertiges oder schlechtes Wort über sie zu sagen. Sein Mitleid mit dieser unglücklichen Frau ließ es ihn allmählich als seine heilige Pflicht empfinden, sie zu beschützen, so daß er auch noch nach zwanzig Jahren keine einzige schlechte Anspielung, einerlei von wem, ertragen konnte. Äußerlich war Grigorij ein kalter Mensch mit ziemlich wichtiger Miene, der nur wohlbedachte, niemals leichtsinnige Worte sprach, wofern er überhaupt sprach. Unmöglich war es gleichfalls, nach dem Äußeren zu schließen, ob er seine ebenso wortkarge, ihm stets ergebene Marfa Ignatjewna liebte oder nicht; er aber liebte sie wirklich, und sie fühlte das wohl. Diese Marfa Ignatjewna war nicht nur keine dumme Frau, sondern war vielleicht sogar klüger als ihr Mann, oder wenigstens in Lebensfragen weit vernünftiger; indessen unterwarf sie sich ihm widerspruchslos schon gleich zu Anfang der Ehe und achtete ihn selbstverständlich wegen seiner, wie sie meinte, geistigen Überlegenheit. Bemerkenswert ist, daß sie beide ihr ganzes Leben lang auffallend wenig miteinander sprachen, es sei denn über die notwendigsten alltäglichen Dinge. Grigorij bedachte alles allein, und Marfa Ignatjewna hatte schon längst ein für allemal begriffen, daß ihr Mann ihrer Ratschläge nicht bedurfte, dafür aber ihr Schweigen zu schätzen wußte und das auch für ihr Bestes hielt. Schlagen tat er sie eigentlich nicht, abgesehen von einem einzigen Ausnahmefall. Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fedor Pawlowitsch waren einmal auf dem Gutshof die damals noch leibeigenen jungen Mädchen und Weiber versammelt worden, um der Herrschaft vorzutanzen und zu singen. Der Chor begann „Auf grünen Wiesen und Auen“, und plötzlich sprang Marfa Ignatjewna, die damals noch ein junges Weib war, vor und tanzte die „Rußkaja“ in einer ganz besonderen Weise, nicht so, wie das Volk sie tanzt, sondern wie es ihr früher, als sie noch Leibeigene der reichen Miussoffs gewesen war, zu den Theateraufführungen im Herrenhause ein aus Moskau bestellter Ballettmeister gezeigt hatte. Grigorij sah, wie sein Weib tanzte; doch nach einer Stunde belehrte er sie eines Besseren, indem er auf sie einhieb und sie an den Haaren zog. Damit war das Prügeln abgetan; es wiederholte sich niemals mehr, denn Marfa Ignatjewna hatte sich geschworen, nie wieder die „Rußkaja“ zu tanzen.
Kinder schenkte ihnen Gott leider nicht; sie hatten zwar einmal ein Kleines gehabt, aber das war alsbald gestorben. Grigorij jedoch liebte kleine Kinder sehr und verheimlichte das nicht einmal, das heißt, er schämte sich nicht, es zu zeigen. Den kleinen dreijährigen Dmitrij Fedorowitsch hatte er, als dessen Mutter fortgelaufen war, zu sich genommen und hatte sich mit ihm fast ein ganzes Jahr lang abgegeben, ihn eigenhändig gekämmt, gewaschen und im kleinen Waschtrog gebadet. Darauf hatte er sich auch mit den zwei anderen Kleinen, Iwan und Aljoscha, abgeplagt, was ihm später die Ohrfeige von der Generalin eintrug; doch davon habe ich ja schon gesprochen. Das eigene Kindchen aber erfreute ihn nur mit der Hoffnung, solange Marfa Ignatjewna noch schwanger war. Als aber der Junge geboren wurde, da erfüllte er sein Herz mit Angst und Trauer: denn das Kind hatte sechs Finger. Als Grigorij das sah, war er dermaßen erschrocken und erschüttert, daß er bis zur Taufe kein Wort mehr sprach und in den Garten ging, um dort mit sich allein zu sein. Es war gerade Frühling, und so grub er denn im Gemüsegarten Beete. Am dritten Tage mußte das Kind getauft werden; Grigorij hatte inzwischen Zeit gehabt, sich zu bedenken. Als er ins Haus trat, wo sich schon die ganze Verwandtschaft und die Gäste versammelt hatten und sogar Fedor Pawlowitsch in höchsteigener Person als Pate erschienen war, erklärte er plötzlich, daß man das Kind „eigentlich überhaupt nicht taufen sollte“ – verbreitete sich jedoch nicht weiter über seine Meinung, sondern blickte nur stumpf und aufmerksam auf den Popen.
„Warum nicht?“ erkundigte sich in heiterer Verwunderung der Geistliche.
„Weil ... das ist ein Drache ...“ brummte schließlich Grigorij.
„Wieso, was für ein Drache?“
Grigorij schwieg eine Zeitlang.
„Eine Verwechslung der Natur ...“ murmelte er, wenn auch sehr undeutlich, so doch fest überzeugt; augenscheinlich wollte er sich nicht darüber aussprechen.
Man lachte natürlich und taufte das arme Kind. Grigorij betete eifrig, änderte aber seine Meinung über das Neugeborene nicht im geringsten. Übrigens verhinderte er nichts, nur bemühte er sich in den ganzen zwei Wochen, die das schwächliche Kindchen lebte, dasselbe überhaupt nicht zu bemerken, und verließ, so oft er nur konnte, das Haus. Als aber der Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber starb, da legte er ihn sorgfältig in den kleinen Sarg, blickte ihn in tiefer Trauer an, und als sein kleines Grab zugeschüttet wurde, da kniete er nieder und verneigte sich vor dem Grabe. Seit der Zeit sprach er lange Jahre kein einziges Mal von seinem Kinde, und selbst Marfa Ignatjewna wagte nicht, in seiner Gegenwart ihres toten Kleinen zu erwähnen; konnte sie aber sonst mit irgend jemandem von ihrem „Kindchen“ sprechen, so tat sie es immer nur flüsternd, selbst wenn Grigorij überhaupt nicht im Hause war. Es fiel ihr auf, daß Grigorij Wassiljewitsch seit jener Beerdigung sich ganz besonders mit „Religiösem“ zu beschäftigen begann, das Leben der Heiligen las, doch nur still für sich, wozu er dann seine silberne Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut vor, höchstens zur Fastenzeit. Er liebte das Buch Hiob sehr, wußte sich von irgend jemandem die mystischen „Predigten unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“ zu verschaffen, las sie unermüdlich jahrelang, verstand so gut wie überhaupt nichts davon und schätzte vielleicht gerade darum dieses Buch am meisten. In der letzten Zeit begann er sich für die Geißler[12] zu interessieren, von denen sich einige in der Nachbarschaft eingefunden hatten. Er war sichtlich erschüttert, fand es aber doch nicht für richtig, zu einem anderen Glauben überzutreten. Seine Belesenheit „in göttlichen Dingen“ äußerte sich nur auf seinem Gesicht in einem noch wichtigeren Ausdruck.
Vielleicht war er auch zum Mystizismus geneigt. Und da mußte es noch geschehen, daß ihn nach der Geburt seines sechsfingrigen Sohnes und dessen Tode eine ganz sonderbare Überraschung erwartete, die, wie er sich selbst äußerte, in seiner Seele auf ewig einen „Stempel“ hinterließ. Es war in der Nacht desselben Tages, an dem der kleine Sechsfingrige begraben worden war, als Marfa Ignatjewna plötzlich erwachte und das Weinen eines neugeborenen Kindes zu vernehmen glaubte. Sie erschrak und weckte ihren Mann. Grigorij horchte hinaus, meinte aber, daß eher jemand stöhne, „wahrscheinlich ein Weib“. Er erhob sich und kleidete sich an. Es war eine ziemlich dunkle Mainacht; als er auf die Treppe hinaustrat, hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus dem Garten kam. Die Hoftür aber zum Garten wurde jeden Abend verschlossen, anders jedoch, als durch diese Tür oder unmittelbar aus dem Hause, konnte man nicht in den Garten gelangen, denn er war von einem hohen, starken Zaun umgeben. Grigorij kam zurück, nahm den Gartenschlüssel und die Laterne und ging schweigend hinaus in den Garten, ohne auf das Entsetzen Marfa Ignatjewnas zu achten, die immer noch behauptete, sie höre das Weinen eines kleinen Kindes, und das sei bestimmt ihr Söhnchen, das sie rufe. Hier hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus ihrem kleinen Badehause, das nicht weit von der Hoftür im Garten stand, kam, und daß es wirklich eine Frauenstimme war. Als er die Tür des Häuschens öffnete, bot sich ihm ein Schauspiel, das ihn erstarren machte: die Stadtverrückte, die sich überall herumtrieb und allen bekannt war, namens Lisaweta Ssmerdjäschtschaja, die auf unerklärliche Weise in dieses Badehaus gekommen war, hatte gerade ein Kind geboren. Das Neugeborene lag neben ihr, sie aber wand sich in Todeskrämpfen. Sie sprach nichts, sie konnte ja überhaupt nicht richtig sprechen. Doch von ihr muß ich etwas mehr erzählen.