Hier gab es einen besonderen Umstand, der Grigorij tief erschütterte und ihn in einem früheren, unangenehmen, wenn nicht ekelhaften Verdacht bestärkte. Diese Lisaweta war sehr klein von Wuchs, „zwei Arschin und vielleicht noch eine Kleinigkeit war das Mädchen hoch“, wie mitleidig einige unserer gottesfürchtigen Greisinnen nach ihrem Tode sagten, wenn sie ihrer gedachten. Ihr zwanzigjähriges, gesundes, breites und rotwangiges Gesicht war vollkommen idiotisch, der Blick ihrer Augen unbeweglich und unangenehm, wenn auch ruhig. Sie ging im Sommer wie im Winter barfuß und nur in einem hanfleinenen Hemde. Ihr fast schwarzes, ungewöhnlich dickes Haar war so kraus wie die Wolle eines Schafes und stand wie eine große Mütze auf ihrem Kopf; außerdem war es voller Schmutz, Erdstückchen und Blätter, Holzspänchen und Stroh- und Grashälmchen, denn sie schlief immer auf der Erde. Ihr Vater war ein obdachloser, heruntergekommener, kranker Kleinbürger Ilja, der trank und schon viele Jahre als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger diente. Lisawetas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Der ewig kranke und wütende Ilja schlug seine Tochter ganz unbarmherzig, wenn sie ihm unter die Augen kam; doch geschah das nur selten, denn sie lebte überall in der Stadt herum, als geistesschwaches, heiliges Gotteskind. Alle Welt, die Wirtsleute ihres Vaters, der Vater selbst und sogar viele Mitleidige, meistens Kaufmannsfamilien und Kaufmannsfrauen, versuchten nicht einmal, Lisaweta etwas anständiger anzukleiden, um sie nicht so im Hemd herumlaufen zu lassen; nur im Winter zogen sie ihr immer einen Schafpelz und Stiefel an; sie aber, die sich alles ruhig anziehen ließ, ging dann gewöhnlich zur Kirchentür und zog sich dort alles wieder aus, was man ihr angezogen hatte – ob es nun ein Tuch, ein Rock, ein Pelz oder sonst was war –, ließ es daselbst vor der Kirche liegen und ging dann wieder nur mit dem Hemd bekleidet fort. Einmal, als der neue Gouverneur unsers Gouvernements auch unser Städtchen besuchte, fühlte er sich in seinen besten Gefühlen tief gekränkt, als er diese Lisaweta erblickte, und wenn er auch einsah, daß es eine Geistesschwache war, wie ihm sofort gemeldet wurde, so meinte er doch, daß ein junges Mädchen, das nur in einem Hemde herumlaufe, den Anstand verletze: darum dürfe das in Zukunft nicht mehr vorkommen. Doch der Gouverneur fuhr wieder fort, und Lisaweta ließ man, wie sie war. Schließlich starb auch ihr Vater, und sie wurde als Waise den Gottesfürchtigen noch lieber. Man schien sie tatsächlich zu lieben, selbst die Straßenjungen neckten sie nicht, und doch sind unsere kleinen Jungen, besonders die Schulrangen, eine naseweise, unverfrorene Bande. Sie trat in fremde Häuser ein, doch niemand schrie sie an oder wies ihr die Tür, im Gegenteil, man war immer gut zu ihr und gab ihr stets etwas. Gab man ihr Geld, so brachte sie es sofort in irgendeine Armenbüchse an der Kirche oder am Gefängnis; gab man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es sofort dem ersten kleinen Kinde, das sie erblickte, oder sie blieb gar vor einer unserer reichsten Damen stehen und gab es der; und die Damen nahmen es dankend und sogar freudig entgegen. Sie selbst aber nährte sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Zuweilen trat sie in einen teuren Laden ein und setzte sich; überall lag teure Ware, sogar loses Geld, doch niemandem fiel es ein, auf sie achtzugeben, denn alle wußten, daß man Tausende auf den Ladentisch legen konnte, daß sie aber keine Kopeke anrühren werde. In die Kirche ging sie nur selten; sie schlief entweder vor der Kirchentür, oder sie kletterte über einen Flechtzaun (bei uns gibt es noch heute viel solcher Zäune) und schlief dann in einem Gemüsegarten. Nach Haus, das heißt ins Haus jener Kleinbürger, bei denen ihr Vater diente, ging sie ungefähr nur einmal in der Woche, im Winter jedoch täglich zur Nacht, und dann schlief sie entweder im Flur oder im Kuhstall. Man wunderte sich, daß sie solch ein Leben aushalten konnte; doch sie hatte sich schon daran gewöhnt; wenn sie auch klein von Wuchs war, so war sie doch ungewöhnlich stark gebaut. Einige behaupteten, sie täte das alles nur aus Stolz, doch fand das keinen rechten Glauben; sie konnte ja nicht einmal richtig sprechen, nur zuweilen bewegte sie die Zunge und stieß irgendwelche lallende Laute hervor – wo konnte da von Stolz die Rede sein! Und so geschah es denn einmal (es ist schon lange her), daß in einer warmen und hellen Septembernacht bei Halbmond, zu einer nach unseren Begriffen sehr späten Stunde, eine stark angeheiterte Gesellschaft, etwa fünf oder sechs Herren, aus dem Klub durch die Hinterstraßen nach Hause ging. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich niedrige Zäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der an den größeren Straßen stehenden Häuser lagen; diese Hinterstraße jedoch führte zu einer kleinen Brücke über einen breiten, versumpften Graben, der bei uns wohl das Flüßchen genannt wurde. Da bemerkte unsere lustige Gesellschaft am Zaun zwischen Nesseln und Salbei die schlafende Lisaweta. Die Herren blieben lachend stehen und begannen in nicht wiederzugebender Weise über sie zu witzeln. Einer von ihnen, ein junger Milchbart, stellte plötzlich die exzentrische Frage: „Könnte irgend jemand, einerlei wer, dieses Tier für ein Weib halten, meinetwegen jetzt gleich usw.“, womit er ein ganz unmögliches Thema anschlug. Alle meinten darauf mit stolzem Widerwillen, daß dies undenkbar wäre. Doch in dieser angeheiterten Gesellschaft befand sich auch Fedor Pawlowitsch, und sofort sprang er vor und behauptete, man könne sie wohl für ein Weib halten, sogar sehr, und daß es hierbei sogar eine gewisse Art von Pikanterie gäbe, usw. usw. Es ist wahr, damals drängte er sich schon gar zu absichtlich in die Rolle des Narren; er liebte es sehr, die anderen zu belustigen und dabei den Gleichstehenden zu spielen, in Wirklichkeit aber war er doch der echte Ham unter ihnen. Das war gerade in der Zeit, als er aus Petersburg die Nachricht von dem Tode seiner ersten Frau erhalten hatte und darauf mit dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sich so unanständig aufführte, daß sich viele, selbst die Liederlichsten, bei seinem Anblick unangenehm berührt fühlten. Die Bande lachte natürlich über die unerwartete Behauptung Fedor Pawlowitschs; einer von ihnen versuchte, ihn noch mehr aufzustacheln, doch die anderen schimpften nun erst recht, natürlich immer unter allgemeiner Heiterkeit, und endlich gingen sie alle ihres Weges. Später schwor Fedor Pawlowitsch, daß auch er damals mit den anderen fortgegangen sei; vielleicht war er es auch, das weiß niemand genau und kann es auch nicht wissen, doch nach fünf oder sechs Monaten sprach man allgemein und aufrichtig empört davon, daß die Lisaweta schwanger sei. Man fragte und riet, auf wen die Sünde fiele, wer der Schänder wäre? Und da verbreitete sich denn in der ganzen Stadt das Gerücht, daß es gerade Fedor Pawlowitsch Karamasoff sei. Woher aber war dieses Gerücht gekommen? Von jenen Herren, die sie damals bemerkt hatten, war zurzeit nur noch ein einziger in der Stadt, und das war ein schon bejahrter Staatsrat, ein Vater erwachsener Töchter, der es bestimmt nicht verbreitet haben würde, selbst wenn er etwas Positives gewußt hätte; die übrigen Kumpane waren aber alle verreist. Doch das Gerücht fuhr fort, hartnäckig gerade auf Fedor Pawlowitsch hinzuweisen. Der machte sich natürlich nicht viel daraus; Kaufleuten und einfachen Bürgern hätte er darauf überhaupt nicht geantwortet. Damals war er stolz und sprach nur in seiner Gesellschaft von höheren Beamten und Edelleuten, die er so vorzüglich zu unterhalten verstand. Da trat denn Grigorij heftig für seinen Herrn ein und verteidigte ihn nicht nur gegen alle Klatschereien, sondern geriet sogar seinetwegen in ernsten Streit, überzeugte aber schließlich doch viele von Fedor Pawlowitschs Unschuld in diesem Falle. „Sie, diese elende Herumtreiberin, ist selbst an allem schuld,“ behauptete er steif und fest, und der Schänder sei niemand anderes als der „Schrauben-Karp“ (ein in der ganzen Stadt berüchtigter Verbrecher, der gerade zu der Zeit aus dem Gefängnis unserer Gouvernementsstadt entsprungen war und sich darauf in unserer kleinen Kreisstadt herumgetrieben hatte). Diese Beschuldigung schien glaubwürdig, denn man erinnerte sich noch des Entsprungenen; erinnerte sich, daß er gerade in jenen Herbstnächten die Stadt unsicher gemacht und drei Menschen überfallen und beraubt hatte. Doch all diese Erörterungen verminderten keineswegs die Sympathie für die arme Idiotin, im Gegenteil, sie verstärkten sie nur noch; alle beschützten sie und taten ihr Gutes. Und Frau Kondratjewa, eine wohlhabende Kaufmannswitwe, richtete es so ein, daß Lisaweta schon Ende April ganz bei ihr blieb und bis zur Entbindung bei ihr bleiben sollte. Sie wurde unermüdlich bewacht; trotzdem gelang es ihr am Abend des letzten Tages, heimlich zu entkommen. Wie sie in ihrem Zustande über den hohen, starken Zaun in den Karamasoffschen Park hatte klettern können, ist ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich ist es ganz natürlich geschehen, denn Lisaweta, die wie eine Katze über die Zäune kletterte, um in fremden Gemüsegärten zu nächtigen, wird wohl ebenso auch auf den hohen Zaun Fedor Pawlowitschs gekommen und dann zu ihrem Unglück heruntergesprungen sein, trotz ihres Zustandes. Grigorij stürzte nach dem ersten Schreck zurück zu Marfa Ignatjewna, die er zur Hilfe in das Badehaus schickte, selbst aber lief er zu einer alten Hebamme, die in der Nachbarschaft wohnte. Das Kind wurde gerettet, doch Lisaweta starb schon beim ersten Morgengrauen. Grigorij nahm das Neugeborene, brachte es ins Haus, hieß Marfa Ignatjewna sich hinsetzen und legte ihr dann das Kind auf den Schoß, an die Brust: „Eine Waise ist Gotteskind und unser aller Kind, für uns beide aber erst recht unser Kind. Das hat unser totes Söhnchen geschickt, und geboren ist es von einem Teufelssohn und einer Gerechten. Nähre es, und weine jetzt nicht mehr.“ Und so erzog denn Marfa Ignatjewna den kleinen Jungen. Er wurde Pawel getauft und allmählich, ohne daß es jemand bestimmt hätte, ganz von selbst Fedorowitsch gerufen. Fedor Pawlowitsch hatte nichts dagegen einzuwenden und fand das alles sogar sehr spaßhaft, obgleich er immer noch fortfuhr, seine Vaterschaft zu verneinen. In der Stadt gefiel es, daß er das Kind angenommen hatte. Später dachte sich Fedor Pawlowitsch auch noch einen Familiennamen für den Jungen aus: er nannte ihn Ssmerdjäkoff nach dem Spitznamen seiner Mutter Lisaweta Ssmerdjäschtschaja.[13] Also dieser Ssmerdjäkoff wurde dann Fedor Pawlowitschs Koch und zweiter Diener; er lebte in dem Nebengebäude auf dem Hof zusammen mit dem alten Grigorij und der alten Marfa. Eigentlich müßte ich noch vieles gerade über ihn sagen, doch will ich jetzt nicht die Aufmerksamkeit meines Lesers zu sehr für die Dienstboten in Anspruch nehmen, daher gehe ich jetzt wieder zu meinen Hauptpersonen über; wird sich doch über Ssmerdjäkoff noch später, im Verlauf der ganzen Geschichte, einiges sagen lassen.

III.
Die Beichte eines heißen Herzens.
In Versen

Als Aljoscha den Befehl seines Vaters, mit allen Kissen und Federbetten das Kloster zu verlassen, vernommen hatte, blieb er in nicht geringer Verwunderung zurück. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa wie ein Pfosten stehen blieb, nein, er ging sogar noch in die Küche des Priors, um dort zu erfahren, was sein Vater oben angestiftet hatte. Dann erst machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung, unterwegs mit sich über alles ihn Quälende ins reine zu kommen. Der Befehl seines Vaters, mit „Kissen und Federbetten nach Hause zu kommen“, schreckte ihn nicht im geringsten. Er begriff nur zu gut, daß dieser Befehl, der ihm so laut zugerufen worden war, nur „in der Hitze“ gegeben sein konnte, sozusagen zur Verschönerung, – etwa in der Art, wie vor kurzem ein Kleinbürger an seinem Namenstage aus Wut darüber, daß man ihm nicht mehr Schnaps gegeben, in Gegenwart der Gäste plötzlich seine eigenen Teller und Schüssel zerschlagen, seine, wie seines Weibes Kleider zerrissen, die eigenen Möbel zertrümmert und die Fensterscheiben eingeschlagen hatte. Am nächsten Tage bedauerte natürlich der nüchtern gewordene Kleinbürger seine zerschlagenen Tassen und Teller ... Aljoscha wußte, daß auch sein Vater ihn am nächsten Tage wieder zurück ins Kloster gehen lassen werde oder vielleicht schon nach wenigen Stunden. War er doch überzeugt, daß der Vater nicht ihn, sondern einen anderen hatte kränken wollen. Aljoscha war sogar fest überzeugt, daß niemand in der Welt ihn jemals würde beleidigen wollen, und es auch nicht könne. Das war für ihn ein Axiom, das er ohne Bedenken angenommen hatte, und so machte er sich denn in dieser Hinsicht ohne die geringste Sorge auf den Weg.

Doch in diesem Augenblick quälte ihn eine ganz andere Angst, die um so quälender war, als er sie sich nicht recht erklären konnte: Es war die Angst vor einem Weibe, und zwar gerade vor Katerina Iwanowna, die ihn in dem von Lisa Chochlakoff überbrachten Brief so inständig zu ihr zu kommen bat, nicht nur bat, sondern verlangte. Dieser Brief nun und die Notwendigkeit, zu ihr zu gehen, hatten sofort ein quälendes Gefühl in seinem Herzen hervorgerufen; und den ganzen Morgen, je mehr die Zeit vorrückte, desto heftiger quälte ihn dieses Gefühl, trotz aller darauffolgenden Szenen in der Zelle des Staretz, wie auch später bei der Abfahrt des Vaters. Nicht die Ungewißheit, wovon sie mit ihm sprechen werde, und was er ihr antworten sollte, ängstigte ihn; auch nicht das Weib überhaupt fürchtete er in ihr: O, Frauen kannte er natürlich wenig, immerhin hatte er von Kindesbeinen an bis zum Eintritt ins Kloster nur bei Frauen gelebt. Er fürchtete gerade Katerina Iwanowna. Er fürchtete sie bereits seit dem Augenblick, da er zum erstenmal bei ihr gewesen war. Nun kam aber noch das hinzu, daß er sie im ganzen nur zwei, oder genau genommen, dreimal gesehen und nur einmal, wenn auch ganz zufällig, ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Er erinnerte sich ihrer als eines schönen, stolzen, gebieterischen Mädchens. Doch nicht ihre Schönheit verwirrte ihn, sondern etwas ganz anderes. Und gerade die Unerklärlichkeit seiner Angst verstärkte diese in ihm noch. Daß die Absichten des jungen Mädchens edel waren, wußte er: Sie wollte seinen Bruder Dmitrij, der sich ihr gegenüber schon vergangen hatte, retten, und zwar wollte sie das nur aus Hochherzigkeit. Doch trotz dieser Erkenntnis und aller Gerechtigkeit, die er diesen guten und edlen Gefühlen unbedingt widerfahren lassen mußte, lief ein Frösteln über seinen Rücken, als es ihm einfiel, daß er schon bald bei ihr sein werde.

Er überlegte hin und her und sagte sich, daß er seinen Bruder Iwan Fedorowitsch, der ihr so nahe stand, nicht bei ihr antreffen werde: Iwan war jetzt bestimmt bei seinem Vater. Dmitrij dagegen würde er ganz sicher nicht antreffen, und er ahnte es, warum nicht. Also würde ihr Gespräch unter vier Augen stattfinden. Er wäre aber doch so gern noch vor diesem schrecklichen Gespräch zu seinem Bruder Dmitrij gegangen. Ohne den Brief zu zeigen, hätte er mit ihm über einiges sprechen können. Doch Dmitrij wohnte weit ab und war jetzt bestimmt nicht zu Hause. Aljoscha blieb einen Augenblick stehen, dann aber entschloß er sich. Er schlug hastig ein Kreuz, wie er es immer zu tun pflegte, und ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen; dann ging er mit festen Schritten weiter zu der gefürchteten Dame.

Er wußte, wo sie wohnte. Doch wenn er durch die Große Straße, über den Platz usw. gegangen wäre, so wäre es ein sehr weiter Weg gewesen. Unser kleines Städtchen ist nämlich sehr zerstreut gebaut, zwischen den Häusern ziehen sich oft große Gärten hin, und so sind denn auch die Entfernungen nicht gering. Zudem erwartete ihn doch der Vater, der vielleicht seinen Befehl noch nicht vergessen hatte, infolgedessen aber, wenn Aljoscha nun nicht sofort zu ihm kam, leicht gereizt und eigensinnig werden konnte! Darum mußte sich Aljoscha sehr beeilen. Diese letzte Erwägung brachte ihn auf den Gedanken, den Weg abzukürzen, nämlich durch die Hinterstraßen zu gehen, die er schon wie seine fünf Finger kannte. Dieses „durch die Hinterstraßen“ bedeutete aber fast ohne Straßen gehen, längs einsamer Gemüsegärten und zuweilen selbst unter Hindernissen, da es über kleinere Zäune klettern oder durch fremde Höfe gehen hieß, wo ihn übrigens ein jeder kannte und freundlich grüßte. Auf diese Weise kürzte er den Weg bis zur Großen Straße um die Hälfte. Hier kam er an einer Stelle sogar sehr nahe am väterlichen Hause vorüber, da er längs dem Nachbargarten, der zu einem alten, kleinen, schiefen Häuschen mit vier Fenstern gehörte, gehen mußte. Die Besitzerin dieses Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine halbgelähmte Greisin; sie lebte hier mit ihrer Tochter, einer bereits zivilisierten Kammerzofe, die in der Großstadt bei Generälen gedient hatte, jetzt aber schon seit einem Jahre bei der alten Mutter sich aufhielt und in aufgeputzten Kleidern einherstolzierte. Mutter und Tochter waren nun sehr verarmt, und so gingen sie denn als Nachbarn täglich in die karamasoffsche Küche, wo sie Suppe und Brot bekamen. Marfa Ignatjewna gab es ihnen gern. Und die Tochter kam wohl zum Essen holen, verkaufte aber kein einziges ihrer teuren Kleider, von denen eines sogar eine riesenlange Schleppe haben sollte. Dieses letztere hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freunde Rakitin gehört, dem wirklich alles in der Stadt bekannt war, und hatte es, nachdem er es gehört, natürlich sofort wieder vergessen. Doch als er jetzt am Garten dieser Nachbarin vorüberging, fiel ihm plötzlich wieder die Schleppe ein; er erhob seinen nachdenklich gesenkten Kopf und ... hatte eine ganz unerwartete Begegnung.

Hinter dem Zaun stand, auf irgend etwas hinaufgestiegen, bis zur Brust über dem Zaunrand, sein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der ihm mit den Armen aus allen Kräften irgendwelche Zeichen machte, ihn augenscheinlich heranwinkte, doch wie es schien, nicht nur zu rufen, sondern auch nur ein Wort laut zu sprechen sich fürchtete. Aljoscha ging schnell zum Zaun.

„Gut, daß du selbst aufblicktest, sonst hätte ich dich womöglich noch anrufen müssen,“ flüsterte ihm hastig und erfreut Dmitrij Fedorowitsch zu. „Spring rüber! Schnell! Ach, wirklich großartig, daß du gekommen bist. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht ...“

Aljoscha war gleichfalls erfreut, nur wußte er nicht, wie er es anstellen sollte, über den Zaun zu kommen. Doch Mitjäs Reckenhand ergriff schon seinen Ellenbogen, um beim kühnen Sprung zu helfen. Aljoscha nahm seine Kutte auf und sprang mit der Gewandtheit eines barfüßigen Straßenbengels über den Zaun.

„So, famos, gehen wir!“ stieß Mitjä leise entzückt hervor.