Ich wiederhole es, die ganze Logik der Anklage besteht nur in dieser Frage: wer hat erschlagen, wenn nicht er? Man sagt, daß man niemanden an seine Stelle setzen könne. Meine Herren Geschworenen, verhält es sich wirklich so? Kann man denn wirklich niemand statt seiner beschuldigen? Wir haben gehört, wie der Ankläger alle Personen, die sich in dieser Nacht im Hause befunden haben, an den Fingern aufgezählt hat. Im ganzen waren es fünf Menschen. Ich gebe vollkommen zu, daß drei von ihnen außerhalb jedes Verdachtes stehen: der Erschlagene selbst, der alte Grigorij und seine Frau. Es bleiben also nur noch der Angeklagte und Ssmerdjäkoff übrig. Und siehe da, der Ankläger behauptet mit Pathos, daß der Angeklagte nur deshalb auf Ssmerdjäkoff hinweise, weil er doch auf niemand anderen mehr hinweisen könne, daß aber, wenn noch irgendeine sechste Person oder nur ein Schatten von einer sechsten Person da wäre, der Angeklagte sofort aufgeben würde, Ssmerdjäkoff zu beschuldigen, daß er sich sogar schämen würde, einen so lächerlichen Verdacht auszusprechen, und gegen den Sechsten aussagen würde. Meine Herren Geschworenen, warum kann ich nicht genau das Entgegengesetzte behaupten? Es stehen zwei Menschen vor uns: der Angeklagte und Ssmerdjäkoff, – warum kann ich nicht sagen, daß Sie meinen Klienten nur darum beschuldigen, weil Sie niemand anders zu beschuldigen haben? Und nur darum haben Sie niemanden zu beschuldigen, weil Sie voreingenommen Ssmerdjäkoff von jedem Verdacht ausgeschlossen haben. Ja, es ist wahr, auf Ssmerdjäkoff weisen nur der Angeklagte, seine beiden Brüder und die Sswetlowa hin, sonst niemand. Aber es ist doch noch ein Etwas vorhanden, das auf ihn hinweist! Das ist eine gewisse, wenn auch unklare Gärung, eine Stimmung, eine Frage, die wie ein Verdacht durch die Gesellschaft geht: ein Gerücht verbreitet sich ... es ist da eine allgemeine Erwartung. Schließlich sind da auch noch einige sehr bemerkenswerte Tatsachen, die zeugen könnten, wenn sie auch ein wenig unbestimmt sind, was ich zugeben muß: erstens ist da dieser epileptische Anfall gerade am Tage der Katastrophe, ein Anfall, den der Ankläger so sehr zu verteidigen sich bemüht hat. Dann ist da dieser plötzliche Selbstmord Ssmerdjäkoffs am Vorabend der Gerichtsverhandlung. Und ebenso unerwartet kommt nun, heute vor Gericht, die Aussage des einen Bruders des Angeklagten, der bis dahin an die Schuld des Bruders geglaubt hatte, und der nun plötzlich das Geld bringt und Ssmerdjäkoff als den Mörder angibt. Oh, ich bin vollkommen überzeugt, genau so wie der Gerichtshof und die Staatsanwaltschaft, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber erkrankt ist, daß seine Aussage in der Tat nur ein verzweifelter, im Fieber ersonnener Versuch, seinen Bruder zu retten, sein kann, und er bloß die Schuld auf den Erhängten abwälzen wollte. Immerhin ist abermals der Name Ssmerdjäkoff genannt worden, und abermals scheint man etwas Rätselhaftes gehört zu haben. Da ist irgend etwas noch nicht zu Ende gesprochen, meine Herren Geschworenen! Da fehlt noch ein Schluß, und das letzte Wort wird vielleicht noch einmal gesagt werden! Doch lassen wir das jetzt beiseite. Es ist eine Sache, die uns noch bevorsteht. Der Gerichtshof hat nichtsdestoweniger beschlossen, die Verhandlung fortzuführen. Und so will ich denn vorläufig etwas zu der Charakteristik des verstorbenen Ssmerdjäkoff bemerken, die der Ankläger mit solchem Geschick vor uns entrollt hat. Obgleich ich das Talent meines Widersachers aufrichtig bewundert habe, kann ich nicht mit den Grundzügen dieser seiner Charakteristik übereinstimmen. Ich bin bei Ssmerdjäkoff gewesen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, und ich muß gestehen, er hat auf mich einen ganz anderen Eindruck gemacht. Gesundheitlich war er schwach, das ist wahr, aber was seinen Charakter und sein Herz anbelangt – oh, da war er nicht schwach, nein, in diesen beiden Dingen war der Mensch durchaus nicht so schwach, wie der Ankläger von ihm glaubt! Auch habe ich durchaus keine Schüchternheit an ihm wahrgenommen, jene Schüchternheit, die der Ankläger für so charakteristisch an ihm hält. Treuherzigkeit habe ich an ihm erst recht nicht bemerkt, im Gegenteil, ich fand ihn schrecklich mißtrauisch, was er nur durch Naivität zu verbergen suchte. Seinen Verstand fand ich geradezu hoch entwickelt, während die Anklage ihn im Gegenteil als einen Schwachsinnigen hinstellte. Auf mich hat er einen ganz bestimmten Eindruck gemacht: ich bin mit der Überzeugung fortgegangen, daß er ein durchaus schlechter, maßlos ehrgeiziger, rachsüchtiger, ein boshafter und neidischer Mensch ist. Ich habe einige Erkundigungen über ihn eingezogen, und ich habe folgendes erfahren: Er hat seine Herkunft gehaßt, hat sich ihrer geschämt und hat vor Wut geknirscht bei dem Gedanken, daß er von der ‚Stinkenden‘ abstammte. Gegen den Diener Grigorij und dessen Frau, seine beiden Wohltäter von Kindheit an, hat er sich unehrerbietig betragen. Rußland hat er verflucht und verspottet. Er hat davon geträumt, nach Frankreich zu fahren und einen Franzosen aus sich zu machen. Er hat oft davon gesprochen, daß ihm dazu die Mittel fehlten. Mir scheint, daß er niemanden geliebt hat, außer sich selbst. Jedenfalls hat er sich bis zur Krankhaftigkeit hochgeschätzt. Bildung hat er nur in guten Kleidern, reinen Plätthemden und gewichsten Stiefeln gesehen. Er hat sich – und dafür gibt es Beweise – für den unehelichen Sohn Fedor Pawlowitschs gehalten und hat seine Stellung im Vergleich zu den ehelichen Kindern seines Herrn gehaßt: ‚Ihnen gehört alles, mir aber nichts, sie haben alle Rechte, sind die Erben, ich aber bin nur der Koch.‘ Er hat mir mitgeteilt, daß er mit Fedor Pawlowitsch zusammen das Geld ins Kuvert getan habe. Die Bestimmung dieser Summe – mit dreitausend Rubeln hätte er seine Karriere machen können – war ihm natürlich gleichfalls verhaßt. Dazu hat er noch die dreitausend Rubel in hellen regenbogenfarbenen Kreditbilletten gesehen – danach habe ich ihn ausdrücklich gefragt. Oh, zeigen Sie niemals einem neidischen und eigensüchtigen Menschen viel Geld auf einmal! Er aber hat damals zum erstenmal eine so große Summe in der Hand gehalten. Der Eindruck dieses regenbogenfarbenen Pakets konnte sich in seiner Einbildungskraft widerspiegeln, bis zur höchsten Erregung, wenn auch zunächst ohne Folgen. Der verehrte Ankläger hat mit außergewöhnlicher Feinheit alle pro und contra Annahmen der Möglichkeit, Ssmerdjäkoff des Mordes zu beschuldigen, vor uns skizziert und uns noch besonders gefragt: Wozu sollte er einen Epilepsieanfall simuliert haben? Aber er braucht ihn ja gar nicht simuliert zu haben, der Anfall konnte doch auch ganz von selbst und natürlich gekommen sein. Doch ebenso natürlich kann der Anfall dann auch wieder vorübergegangen und kann der Kranke aufgewacht sein. Nehmen wir an, er hat sich nicht sofort erholt, aber er ist vielleicht zu sich gekommen und aufgewacht, wie das bei den Fallsüchtigen häufig vorkommt. Die Anklage fragt: In welchem Augenblick hat denn Ssmerdjäkoff den Mord verübt? Diesen Augenblick festzustellen, ist außerordentlich leicht. Er ist aus tiefem Schlaf erwacht – denn er schlief doch nur: nach einem Anfalle verfällt der Epileptiker immer in einen tiefen Schlaf – genau in dem Augenblick, als der alte Grigorij den fortlaufenden Angeklagten auf dem Zaune am Fuß packte und über den ganzen Garten hin: ‚Vatermörder!‘ schrie. Dieser ungewöhnliche Schrei durch die Stille und Dunkelheit kann Ssmerdjäkoff sehr wohl aufgeweckt haben, da sein Schlaf zu der Zeit durchaus nicht mehr so fest zu sein brauchte: er hätte schon eine Stunde vorher erwachen können. Daraufhin kann er sehr wohl aus dem Bett aufgestanden und unbewußt, ohne jegliche Absicht, hinausgegangen sein, um zu sehen, was dieser Schrei auf sich hatte. In seinem Kopf ist noch krankhafter Dunst, das Bewußtsein schlummert noch, – da ist er aber schon im Garten: Er tritt an die erleuchteten Fenster heran und erfährt von seinem Herrn, der natürlich über sein Erscheinen sehr erfreut ist, die schreckliche Nachricht. Er überlegt sofort. Von dem erschrockenen Herrn erfährt er alle Einzelheiten. Und plötzlich durchzuckt sein zerstörtes und krankes Gehirn ein Gedanke, – ein schrecklicher, aber verführerischer und unabweisbarer Gedanke: den Herrn zu ermorden, die Dreitausend zu nehmen und später alles auf den jungen Herrn zu wälzen! Wen würde man verdächtigen, wenn nicht den jungen Herrn, denn er war dagewesen, das konnte man beweisen?! Eine schreckliche Gier nach Geld, nach der Beute, konnte ihn, zusammen mit der Vorstellung von der Straflosigkeit, gepackt haben. Oh, diese plötzlichen und unabweisbaren Ausbrüche stellen sich so oft bei einer sich darbietenden Gelegenheit ein – hauptsächlich bei Mördern, die sich noch vor einer Minute nicht bewußt waren, daß sie töten würden! Und nun: Ssmerdjäkoff konnte zum Herrn hineingehen und seinen Plan ausführen, aber womit, mit welcher Waffe? Mit dem ersten besten Stein, den er im Garten ergriffen hatte. Aber wozu, zu welchem Zweck? Nun, mit dreitausend Rubeln kann man doch Karriere machen! Bitte, ich widerspreche mir durchaus nicht: Das Geld kann ja doch existiert haben. Und Ssmerdjäkoff wußte sogar ganz allein, wo es zu finden war, wo es beim Herrn lag. – Aber der Umschlag des Geldes, das zerrissene Kuvert ‚auf dem Fußboden‘? Der Ankläger machte, als er vom Paket sprach, eine außerordentlich feine Bemerkung darüber, daß nur ein ungewohnter Dieb, wie z. B. Karamasoff, das Kuvert auf dem Fußboden hätte liegen lassen können, Ssmerdjäkoff dagegen niemals ein Beweisstück seines Verbrechens liegen gelassen haben würde. Meine Herren Geschworenen, als ich das hörte, fühlte ich plötzlich, daß er mir etwas bereits Bekanntes sagte. Stellen Sie sich vor: Genau dieselbe Bemerkung, diesen Hinweis darauf, daß nur Karamasoff mit dem Paket so hätte verfahren können, habe ich genau vor zwei Tagen von Ssmerdjäkoff selbst gehört, und er hat mich damit sogar in Erstaunen gesetzt: Mir fiel nämlich sofort auf, daß er sich naiv stellte, um mir diesen Gedanken aufzubinden. Ich sollte selbst zu diesem Schluß kommen. Jawohl, er hat sich ordentlich bemüht, mir diesen Gedanken einzugeben. Und jetzt frage ich: Hat er nicht auch dem verehrten Ankläger diesen Gedanken in derselben Weise eingeflüstert? Man wird sagen: Aber die Alte, die Frau Grigorijs? Sie hat doch gehört, wie der Kranke neben ihr die ganze Nacht gestöhnt hat. Es ist möglich, daß sie es gehört hat, aber die Einbildungskraft ist oft sehr stark. Ich kannte eine Dame, die sich bitter beklagte, daß die ganze Nacht ein Hund auf dem Hofe sie durch fortwährendes Bellen gestört und sie daher fast überhaupt nicht geschlafen habe. Dabei hatte das arme Tier, wie sich später herausstellte, im ganzen nur zwei oder dreimal gebellt. Aber das ist ja ganz natürlich! Der Mensch schläft, und plötzlich hört er ein Stöhnen, er erwacht und ärgert sich, daß man ihn gestört hat, schläft aber augenblicklich wieder ein. Nach zwei Stunden hört er wieder ein Stöhnen, wieder wacht er auf, und wieder schläft er ein; schließlich wieder ein Stöhnen, und zwar wiederum nach zwei Stunden, im ganzen also nur dreimal in der Nacht. Am Morgen steht er auf und beklagt sich, daß er in der Nacht ununterbrochen gestört worden sei. So muß es ihm auch durchaus erscheinen! die Zwischenräume von zwei Stunden hat er verschlafen und erinnert sich ihrer nicht, erinnert sich nur der Minuten des Erwachens, und da scheint es ihm denn, er sei die ganze Nacht gestört worden. Aber warum, warum, ruft die Anklage aus, warum hat Ssmerdjäkoff in seinem Schreiben vor dem Tode nicht alles eingestanden? ‚Zu dem einen reichte das Gewissen,‘ haben wir doch noch vor kurzem gehört, ‚zum anderen aber nicht.‘ Aber erlauben Sie: Gewissen – das ist doch schon Reue, und Reue konnte bei diesem Selbstmörder vielleicht überhaupt nicht vorhanden gewesen sein, sondern nur Verzweiflung. Verzweiflung aber und Reue sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die Verzweiflung kann boshaft und unstillbar sein, und der Selbstmörder kann in dem Augenblick, als er Hand an sich legte, diejenigen sogar doppelt gehaßt haben, die er sein ganzes Leben lang beneidet hat. Meine Herren Geschworenen, vermeiden Sie es, einen Justizirrtum zu begehen! Warum soll das unwahrscheinlich sein, was ich Ihnen soeben vorgelegt und geschildert habe? Finden Sie einen Fehler in meiner Auslegung, finden Sie, daß sie unmöglich, absurd ist? Wenn nur ein Schatten von Möglichkeit, nur ein Schatten von Wahrheit in meiner Annahme ist – so enthalten Sie sich einer Verurteilung! Und kann denn hier nur von einem Schatten die Rede sein? Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich glaube an meine Auslegung, die ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, an meine Erklärung des Mordes! Doch hauptsächlich, hauptsächlich regt es mich auf, und der Gedanke erbittert mich geradezu, daß aus der ganzen Menge von Tatsachen, die die Anklage gegen den Angeklagten auftürmt, nicht eine einzige Tatsache bewiesen und daher unwiderruflich ist, und daß der Unglückliche nur durch die Verkettung der Tatsachen zugrunde gehen soll. Ja, diese Verkettung der Tatsachen ist schrecklich! Dieses Blut, dieses von den Fingern herabfließende Blut, die blutdurchtränkte Wäsche, die schwarze Nacht, durch die der Schrei ‚Vatermörder!‘ gellt, und der mit verwundetem Schädel am Boden Liegende, darauf diese Unmenge von Hinweisen, Gesten, Ausrufen des Angeklagten – oh, alles das kann stark beeinflussen! Kann das aber auch Ihre Überzeugung beeinflussen, kann das auch Ihre Überzeugung bestechen, meine Herren Geschworenen? Denken Sie daran, daß Ihnen die unumschränkte Macht zu binden und zu lösen gegeben ist. Doch je größer die Gewalt ist, um so schwerer ist ihre Anwendung. Nicht ein Jota werde ich von dem aufgeben, was ich soeben gesagt habe. Doch möge es sein, nehmen wir an, daß ich auf einen Augenblick mit der Anklage übereinstimme: Daß mein unglücklicher Klient seine Hände mit dem Blute des Vaters befleckt hat. Das ist nur eine Annahme, meine Herren. Ich wiederhole es, daß ich auch nicht einen Augenblick an seiner Unschuld zweifle. Aber nehmen wir einmal an, daß der Angeklagte des Vatermordes schuldig ist. So hören Sie bitte meine Rede bis zu Ende, selbst wenn ich sogar diese Annahme zulasse. Mir liegt etwas auf dem Herzen, was ich aussprechen möchte, denn ich fühle auch in Ihren Herzen und Gedanken diesen großen Kampf ... Verzeihen Sie mir dieses Wort, meine Herren Geschworenen, von Ihren Herzen und Gedanken. Doch ich möchte bis zum Ende wahr und aufrichtig bleiben. Meine Herren, seien wir es einmal alle – seien wir wahr und aufrichtig!“
An dieser Stelle wurde der Verteidiger durch ziemlich starken Applaus unterbrochen. In der Tat, seine letzten Worte hatte er in einem so ehrlich klingenden Tone gesprochen. Alle fühlten, daß er wirklich etwas zu sagen hatte, und daß das, was er jetzt sagen würde, vielleicht das allerwichtigste war. Als aber der Vorsitzende den Applaus hörte, klingelte er sofort und drohte mit erhobener Stimme an, daß er den Saal „räumen“ lassen werde, falls Ähnliches noch einmal vorkommen sollte. Alles wurde still, und Fetjukowitsch begann von neuem – diesmal mit einer geradezu beseelten Stimme, die jetzt ganz anders klang als vorhin.
XIII.
Der Übertreter des Gebots
„Nicht nur die Verkettung der Tatsachen vernichtet meinen Klienten,“ hub er an, „nein, meine Herren Geschworenen, im Grunde ist es nur eine einzige Unleugbarkeit, die ihm den Hals bricht: das ist – der Leichnam des alten Vaters! Wäre es ein gewöhnlicher Mord, so würden Sie bei der Richtigkeit, Unbewiesenheit und Phantastik der sogenannten Anklagebeweise – wenn man jeden von ihnen einzeln und nicht in der Gesamtheit betrachtet –, so würden Sie, sage ich, die Anklage zurückweisen, oder Sie würden sich mindestens bedenken, das Leben eines Menschen nur auf Grund des Vorurteils, das er leider gar zu sehr verdient hat, zugrunde zu richten! Hier aber handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Mord, sondern um einen Vatermord! Das imponiert! Und zwar in einem solchen Maße, daß selbst die Nichtigkeit und Unbewiesenheit der anklagenden Tatsachen selbst dem Vorurteilslosesten nicht mehr so nichtig und nicht mehr so unbewiesen erscheinen. Wie nun einen solchen Angeklagten rechtfertigen? Wie, wenn er den Mord verübt hat und ungestraft entkommt? – Das ist es, was ein jeder sich in seinem Herzen unwillkürlich, instinktiv fragt. Ja, es ist ein schreckliches Ding, das Blut des Vaters zu vergießen, das Blut desjenigen, der mich gezeugt, geliebt, sein Leben für mich nicht geschont hat, der von meinen ersten Kinderjahren an für mich bei jeder Kinderkrankheit gezittert, sein ganzes Leben lang nur für mein Glück gearbeitet und gelitten, nur von meinen Freuden und Erfolgen gelebt hat! Ja, einen solchen Vater zu erschlagen – das wäre nicht auszudenken! Meine Herren Geschworenen, was ist ein Vater, ein wirklicher Vater, was ist das für ein Wort, was für eine unheimlich große Idee liegt in diesem großen Worte? Wir haben soeben darauf hingewiesen, was ein wahrer Vater ist, und was er sein soll. In dem vorliegenden Falle jedoch, der uns jetzt alle so beschäftigt, und der uns quält und bis ins Herz getroffen hat, in diesem vorliegenden Falle entspricht der Vater, der verstorbene Fedor Pawlowitsch Karamasoff, nicht im geringsten, nicht im allermindesten jenem Begriff von einem Vater, den wir im Herzen tragen. Das ist das Unglück. Ja, in der Tat, gar mancher Vater ist das Unglück seiner Kinder. Betrachten wir dieses Unglück jetzt etwas aus der Nähe, – und wir dürfen doch, meine Herren Geschworenen, im Hinblick auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung, vor nichts zurückschrecken. Gerade jetzt dürfen wir weniger denn je mit den Händen gewisse Ideen zurückscheuchen, wie Kinder oder ängstliche Frauen, um den treffenden Vergleich des verehrten Anklägers zu gebrauchen. Nun hat mein hochgeachteter Gegner – der schon mein Gegner war, noch bevor ich mein erstes Wort gesprochen hatte – hat mein Gegner mehr als einmal ausgerufen: ‚Nein, ich will die Verteidigung des Angeklagten keinem anderen überlassen –, ich bin der Ankläger, ich will auch der Verteidiger sein!‘ Das hat er, wie gesagt, ein paarmal ausgerufen, indessen hat er aber zu erwähnen vergessen, daß der Angeklagte, wenn er ganze dreiundzwanzig Jahre lang eine solche Dankbarkeit für ein einziges Pfund Nüsse im Herzen bewahrt hat, das ihm der einzige Mensch geschenkt hat, der während seines Aufenthaltes als Kind im Elternhause freundlich zu ihm gewesen ist, daß ein solcher Mensch in diesen dreiundzwanzig Jahren auch nicht hat vergessen können, wie er auf dem Hinterhofe barfüßig umhergelaufen ist, mit bloßen Beinchen und in ‚Höschen an einem Knopf‘, wie dies uns der menschenfreundliche Doktor Herzenstube geschildert hat. Meine Herren Geschworenen, wozu sollen wir noch näher dieses Unglück untersuchen und wiederholen, was doch alle schon wissen! Was hat mein Klient hier vorgefunden, als er nach Haus, zum Vater kam? Und warum, warum nur stellt man meinen Klienten als gefühllosen Egoisten, als Ungeheuer dar? Er ist gewiß zügellos, wild und wüst, und dafür verurteilen wir ihn auch jetzt. Wer aber ist schuld an seinem unglücklichen Leben, wen trifft die Schuld, daß er bei guten Anlagen eine so schlechte Erziehung erhalten hat, dieser kleine verlassene Junge mit dem prächtigen liebebedürftigen Herzen? Hat ihm denn auch nur ein einziger Mensch Vernunft beigebracht, hat ihm denn überhaupt jemand auch nur ein wenig Liebe in seiner freudlosen Kindheit gezeigt? Mein Klient ist nur unter Gottes Obhut aufgewachsen, also mit anderen Worten: wie ein wildes Tier. Vielleicht hat er sich danach gesehnt, seinen Vater nach so langer Zeit wiederzusehen, er hat vielleicht schon tausendmal, wenn er sich seiner Kindheit wie eines Traumes entsann, die widerlichen Erinnerungen verscheucht und sich mit ganzer Seele danach gesehnt, seinen Vater rechtfertigen und umarmen zu können! Und nun, was findet er hier? Mit zynischem Spott, mit Mißtrauen und Betrügereien wegen des strittigen Geldes wird er empfangen. Die Gespräche und die Lebensphilosophie, die er täglich ‚beim Kognak‘ mit anhören muß, verursachen ihm fast Übelkeit. Und alsbald sieht er, wie dieser Vater mit seinem, des Sohnes Gelde, ihm, dem Sohne, die Geliebte abspenstig machen will. Das ist mehr als ekelhaft und grausam, meine Herren Geschworenen. Und dieser selbe alte Vater beklagt sich nun bei allen über die Unehrerbietigkeit des Sohnes, sucht ihn in der ganzen Gesellschaft anzuschwärzen, mit Schmutz zu bewerfen, ihm zu schaden, wo er nur kann, er verleumdet ihn überall, und schließlich kauft er seine Wechsel auf, um ihn, seinen leiblichen Sohn, ins Gefängnis zu bringen! Meine Herren Geschworenen, diese Seelen, diese dem Anscheine nach wilden, heftigen, zügellosen Menschen, wie mein Klient, sind meistenteils sehr zärtlich, nur zeigen sie es nicht. Lachen Sie bitte nicht, lachen Sie nicht über meine Worte! Der verehrte Ankläger hat meinen Klienten vorhin in unbarmherziger Weise zu verspotten gesucht, indem er in ganz besonderer Art andeutete, daß Dmitrij Karamasoff Schiller liebe: alles ‚Schöne und Hehre‘. Ich hätte mich an seiner Stelle darüber nicht lustig gemacht, wenn ich der Ankläger gewesen wäre. Denn diese Herzen, – oh, erlauben Sie mir, daß ich diese Herzen verteidige, die so selten verstanden und so oft ungerecht beurteilt werden! Diese Herzen sehnen sich so oft nach Zärtlichkeit, Schönheit und Gerechtigkeit, sie tun es gleichsam aus Widerspruch zu sich selbst, zu ihrem wüsten Leben, ihrer Wildheit. Sie sehnen sich vielleicht unbewußt danach, aber sie sehnen sich mit ihrer ganzen Leidenschaft. Äußerlich leidenschaftlich und hart, sind sie fähig, bis zur Qual etwas liebzugewinnen, ein Weib zum Beispiel, und das lieben sie dann mit einer geistigen, einer höheren Liebe. Ich bitte Sie wiederum, nicht über mich zu lachen. Ich wiederhole: das pflegt gerade bei diesen Naturen am häufigsten vorzukommen. Nur können sie ihre Leidenschaft, die zuweilen gewiß sehr roh ist, nicht verbergen, und das ist es dann, was allen sofort an ihnen auffällt. Jawohl: das wird sofort bemerkt. Den inneren Menschen aber sieht niemand. Doch ihre Leidenschaften werden schnell gestillt, und dieser anscheinend rohe und grausame Mensch sucht in der Nähe eines edlen und schönen Wesens nur Erneuerung, sucht die Möglichkeit, sich zu bessern, gut zu werden, ehrlich und edel, oder ‚schön und erhaben‘, wie sehr dieses Wort auch verspottet werden mag. Ich habe gesagt, daß ich nicht wage, über den Roman meines Klienten mit Fräulein Werchoffzeff zu sprechen. Ich denke aber, daß mir doch ein halbes Wort über ihn gestattet sein wird. Wir alle haben vorhin gehört – nicht die Aussage, sondern nur das wahnsinnige Geschrei eines Weibes, das sich rächen will. Doch nicht ihr, oh, wahrlich nicht, ihr steht es zu, ihm einen Treubruch vorzuwerfen, denn sie, sie selbst hat ihm die Treue zuerst gebrochen. Hätte sie nur einen Augenblick Zeit gehabt, nachzudenken, so würde sie bestimmt nicht eine solche Aussage gemacht haben. Meine Herren Geschworenen, glauben Sie ihr nicht, nein, mein Klient ist kein ‚Auswurf des Menschengeschlechts‘, kein ‚Ungeheuer‘, wie sie ihn vorhin genannt hat! Der gekreuzigte Menschenfreund hat gesagt: ‚Ich bin der gute Hirt, ein guter Hirt gibt seine Seele hin für seine Schafe, auf daß kein einziges untergehe ...‘ Richten auch wir keine Menschenseele zugrunde! Ich habe soeben gefragt, was das Wort ‚Vater‘ bedeutet, und ich habe gesagt, daß es ein großes Wort, eine uns teure Benennung sei. Doch, meine Herren Geschworenen, mit einem Worte muß man ehrlich umgehen, und ich verlange, daß man jedem Dinge seinen richtigen Namen gibt, nicht aber, daß man Worte, die uns teuer sind, mißbraucht. Und darum sage ich dreist: Ein Vater, wie der erschlagene alte Karamasoff, kann nicht Vater genannt werden, er ist dieses Namens nicht wert! Die Liebe zum Vater ist, wenn sie vom Vater nicht gerechtfertigt wird, eine Albernheit, eine Unmöglichkeit. Liebe kann man nicht aus Nichts schaffen, nur Gott allein vermag aus Nichts etwas zu schaffen. ‚Väter, betrübet nicht eure Kinder‘, schreibt der Apostel aus der Fülle seines liebeglühenden Herzens heraus. Nicht wegen meines Klienten führe ich hier diese heiligen Worte an, um aller Väter willen rufe ich sie uns wieder ins Gedächtnis. Wer hat mir die Macht und das Recht gegeben, den Vätern Liebe zu lehren? Niemand. Aber als Mensch und als Staatsbürger rufe ich die Väter auf – vivos voco! Wir weilen nicht lange hier auf Erden, wir tun viel üble Taten, wir reden viel üble Worte. Darum aber sollten wir alle den geeigneten Augenblick unseres Zusammenseins benutzen, um einander ein gutes Wort zu sagen. So tue denn auch ich: solange ich an diesem Platze stehe, will ich meinen Augenblick benutzen. Nicht umsonst ist uns diese Tribüne durch höchsten Willen geschenkt worden – von ihr aus hört uns ganz Rußland. Nicht nur zu den hier versammelten Vätern rede ich, sondern allen Vätern rufe ich zu: ‚Väter, betrübet nicht eure Kinder!‘ Ja, erfüllen wir zuerst selbst das Gebot Christi – dann erst können wir auch von unseren Kindern die Erfüllung der Gebote verlangen! Andernfalls sind wir nicht die Väter, sondern die Feinde unserer Kinder, und auch sie sind dann nicht unsere Kinder, sondern unsere Feinde, und wir selbst machen sie zu unseren Feinden! ‚Mit welchem Maße du messest, wird dir wiedergemessen werden‘ – das sage nicht ich, das droht uns das Evangelium an: Mit dem Maße sollst du wiedermessen, mit dem dir gemessen wird. Wie soll man nun die Kinder anklagen, wenn sie uns mit demselben Maße wiedermessen, mit dem wir messen? In Finnland kam vor kurzem ein Mädchen, eine Dienstmagd, in den Verdacht, im geheimen ein Kind geboren zu haben. Man fing an, sie zu beobachten, und schließlich fand man auf dem Hausboden, ganz unter dem Dache, in einer Ecke unter Ziegelsteinen ihren Koffer, von dem niemand etwas gewußt hatte. Und in diesem Koffer fand man die kleine Leiche ihres neugeborenen Kindes. Im selben Koffer fand man außerdem noch die Skelette zweier schon früher von ihr geborener und, wie sie selbst eingestanden hat, von ihr im Augenblick der Geburt umgebrachter Kinder. Meine Herren Geschworenen, ist das nun eine Mutter ihrer Kinder? Wohl hat sie sie geboren, aber ist sie ihnen denn eine Mutter gewesen? Wer von uns wird wagen, sie mit dem heiligen Mutternamen zu nennen? Seien wir mutig, meine Herren Geschworenen, seien wir sogar kühn, denn wir sind verpflichtet, es zu sein, besonders in diesem Augenblick, und uns nicht vor gewissen Worten und Ideen zu fürchten, wie die Moskauer Kaufmannsfrauen, die vor ‚Metall‘ und ‚Schwefeläther‘ Angst haben.[31] Nein, beweisen wir, daß auch wir in den letzten zehn Jahren der Entwicklung fortgeschritten sind, und sagen wir gerade heraus: Der Erzeuger ist noch nicht Vater, Vater ist, wer nicht nur erzeugt, sondern den Namen Vater auch verdient hat. Oh, gewiß, es gibt auch noch eine andere Deutung, eine andere Auffassung und Auslegung des Wortes Vater, die verlangt, daß mein Vater auch dann, wenn er ein Ungeheuer ist, wenn er zum Verbrecher an seinem Kinde geworden ist, immer noch mein Vater bleibe, und zwar nur darum, weil er mich erzeugt hat. Doch diese Bedeutung ist sozusagen schon eine mystische, die ich nicht mit dem Verstande begreifen, sondern nur mit dem Glauben annehmen kann, oder richtiger gesagt, auf Treu und Glauben, wie es uns mit vielem anderen ergeht, das wir nicht begreifen können, und an das zu glauben uns lediglich die Religion gebietet. Aber ein solcher Fall mag dann außerhalb des Bereiches des wirklichen Lebens bleiben. Im Bereiche des wirklichen Lebens dagegen, das nicht nur seine besonderen Rechte hat, sondern selbst auch große Pflichten auferlegt, – in diesem Bereiche müssen wir, und sind wir sogar verpflichtet, wenn wir menschlich und Christen sein wollen, nur diejenigen Überzeugungen durchzuführen, die von der Vernunft und der Erfahrung gutgeheißen, die durch den Schmelzofen der Analyse hindurchgegangen sind. Mit einem Wort, wir haben vernünftig zu handeln und nicht unvernünftig, wie etwa im Traum und in der Phantasie, damit wir den Menschen keinen Schaden zufügen, damit wir keinen Menschen unnütz quälen und zugrunde richten. Dann, dann erst wird es eine wirklich christliche Tat sein, nicht nur eine mystische, sondern eine vernünftige und eine bereits wahrhaft menschenfreundliche Tat ...“
Bei diesen Worten erhob sich an vielen Stellen des Saales starker Applaus, aber Fetjukowitsch begann sogleich mit den Armen zu fuchteln, als flehe er darum, ihn nicht zu unterbrechen und ihn ausreden zu lassen. Im Augenblick wurde es still. Der Redner fuhr fort:
„Glauben Sie denn, meine Herren Geschworenen, daß solche Fragen unsere Kinder unberührt lassen können, wenn sie, sagen wir, schon Jünglinge sind, oder, sagen wir, wenn sie schon angefangen haben nachzudenken? Nein, das können sie nicht, und wir können auch keine unmögliche Schonung von ihnen verlangen. Der Anblick eines unwürdigen Vaters, besonders im Vergleich mit anderen, würdigen Vätern seiner Altersgenossen, veranlaßt den Jüngling unwillkürlich zum Nachdenken und gibt ihm unwillkürlich qualvolle Fragen ein. Auf diese Fragen aber wird ihm immer nur die eine Bürokratenantwort zuteil: ‚Er hat dich erzeugt, du bist Blut von seinem Blut, folglich mußt du ihn lieben.‘ Wie soll da der Jüngling nicht ernster darüber nachdenken und sich nicht unwillkürlich fragen: ‚Ja, hat er mich denn geliebt, als er mich zeugte?‘ und er wundert sich selbst immer mehr darüber. ‚Hat er mich denn um meinetwillen erzeugt? Er kannte mich doch gar nicht, er hat ja nicht einmal gewußt, welch eines Geschlechtes ich sein würde, er hat vielleicht überhaupt nicht an mich gedacht, in jenem Augenblick der Leidenschaft, die vielleicht nur vom Weine herrührte, und in dem er mir vielleicht bloß die Neigung zum Trunke vererbte. Das sind seine ganzen Wohltaten an mir ... Warum nun soll ich ihn jetzt mein ganzes Leben lang dafür lieben, daß er mich zwar erzeugt, dann aber, seit dem ersten Tage meines Lebens mich überhaupt nicht geliebt hat?‘ Diese Fragen werden Ihnen vielleicht roh und grausam erscheinen, doch fordern Sie von einem so jungen Geiste nicht Unmögliches, verlangen Sie nicht, daß er sich mäßige und in allem ebenso denke wie seine Lehrer. ‚Jage die Natur zur Tür hinaus, sie fliegt durchs Fenster wieder herein.‘ Und vor allen Dingen, ja, vor allen Dingen fürchten wir uns nicht vor ‚Metall‘ und ‚Schwefeläther‘ und entscheiden wir über die Frage so, wie es Vernunft und Nächstenliebe verlangen, und nicht so, wie mystische Begriffe vorschreiben. Wie aber soll man darüber entscheiden? Sehr einfach: Mag der Sohn vor seinen Vater hintreten und ihn nicht leichtfertig, sondern ernst und bedacht fragen: ‚Vater, sage du mir: Warum soll ich dich lieben? Vater, beweise mir, daß ich dich lieben muß.‘ Und wenn dieser Vater dann imstande und fähig ist, ihm zu antworten und zu beweisen, so wird es eine gute Familie sein, die nicht nur auf mystischem Vorurteil allein beruht, sondern auf vernünftigen, selbstbewußten und streng humanen Grundlagen. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Vater es ihm nicht beweisen kann – so ist die Familie aufgelöst, so ist ihr Ende gekommen: Er hört auf, Vater zu sein, und der Sohn erlangt die Freiheit und das Recht, seinen Vater hinfort für einen ihm Fremden und sogar für seinen Feind zu halten. Meine Herren Geschworenen, unsere Tribüne sollte die Schule der Wahrheit und der gesunden Auffassung sein!“
Hier wurde der Redner durch unbändigen, beinahe rasenden Applaus unterbrochen. Selbstverständlich, es applaudierte nicht der ganze Saal, aber immerhin reichlich die Hälfte des ganzen Publikums. Es waren die Väter und Mütter, die Beifall klatschten. Von oben, wo die Damen saßen, hörte man Beifallsrufe, winkte man mit den Taschentüchern. Der Vorsitzende griff nach seiner Glocke und begann aus allen Kräften zu läuten. Das Benehmen des Publikums hatte ihn offenbar sehr empört. Trotzdem wagte er nicht, den Saal räumen zu lassen, wie er noch kurz vorher gedroht hatte: Selbst die ehrwürdigen, hohen Standespersonen, die hinter dem Gerichtshofe auf besonderen Lehnstühlen saßen, die alten Herren mit den Sternen auf den Röcken, selbst die applaudierten und gaben dem Redner ihren Beifall zu erkennen. So begnügte sich denn der Vorsitzende, als der Lärm sich gelegt hatte, mit der strengen Wiederholung derselben Androhung, den Saal „räumen“ zu lassen, und der triumphierende Fetjukowitsch ergriff von neuem das Wort.
„Meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich dieser furchtbaren Nacht, von der heute schon so viel gesprochen worden ist, in der der Sohn über den Zaun geklettert war, der des Vaters Besitztum einschloß, und wie dieser Sohn dann schließlich vor seinen Vater trat und Auge in Auge seinem Erzeuger, seinem Feinde und Beleidiger gegenüberstand. Ich behaupte, und ich bestehe mit ganzem Nachdruck darauf, daß er nicht um des Geldes willen in den Garten gelaufen war. Die Beschuldigung, er habe einen Raubmord verübt, ist vollkommen unsinnig, ist eine Ungereimtheit, wie ich vorhin schon auseinandergesetzt habe. Und auch nicht, um ihn zu erschlagen, ist er bei seinem Vater eingedrungen. Wenn er schon früher diese Absicht gehabt hätte, so würde er sich doch wenigstens mit einer Waffe versehen haben, denn diese kleine Mörserkeule hat er ja doch nur unwillkürlich ergriffen, ohne selbst zu wissen warum und wozu. Nehmen wir jetzt an, daß er das Zeichen an die Tür geklopft hat und ins Haus eingedrungen ist – ich habe ja schon gesagt, daß ich keinen Augenblick an diese Fabel glaube, – aber nehmen wir jetzt einmal an, daß es so gewesen sei! Meine Herren Geschworenen, ich schwöre Ihnen bei allem, was heilig ist: Wäre der Tote nicht sein Vater gewesen, sondern ein Fremder, der ihn gekränkt und beleidigt hat, so wäre er, nachdem er alle Zimmer durchsucht und sich überzeugt hätte, daß das geliebte Weib sich nicht im Hause befand, so wäre er, das sage ich, unverzüglich wieder hinausgelaufen, ohne dem Rivalen etwas anzutun, er hätte ihn vielleicht hart und grob angefahren, doch das wäre dann auch alles gewesen, denn er hätte weiter keine Zeit für ihn gehabt – er mußte doch erfahren, wo sie sich befand! Aber der Vater, der Vater – oh, alles hat nur der Anblick des Vaters getan, seines von Kindheit an verhaßten Feindes, seines Beleidigers, der jetzt – sein ungeheuerlicher Rivale war! Da hat ihn denn der Haß unwillkürlich überwältigt, da war keine Zeit mehr zum Überlegen; alles erhob sich in einem Augenblick! Das war ein Affekt des Wahnsinns oder völliger Sinnlosigkeit, gleichzeitig aber auch ein Affekt der Natur, die für ihre ewigen Gesetze unaufhaltbar und unbewußt Rache nimmt, wie dies die Natur ständig tut. Aber der Mörder hat auch da nicht ermordet – das behaupte ich, das rufe ich dreist aus –, nein, er hat nur in angeekeltem Unwillen mit der Hand einmal ausgeholt, ohne erschlagen zu wollen, ohne zu wissen, daß er erschlagen würde. Hätte er nicht diese verhängnisvolle Mörserkeule in der Hand gehabt, so hätte er den Vater vielleicht nur verprügelt, aber nicht erschlagen. Als er fortlief, wußte er nicht, ob der von ihm niedergestreckte alte Mann wirklich tot war. Ein solcher Todschlag ist kein Mord. Und ein solcher Todschlag ist erst recht kein Vatermord. Nein, den Todschlag eines solchen Vaters kann man nicht Vatermord nennen. Ein solcher Todschlag könnte nur aus Vorurteil Vatermord genannt werden! Und hat nun dieser Todschlag wirklich stattgefunden, ist er denn auch wirklich von dem Angeklagten ausgeführt worden? Das frage ich Sie immer und immer wieder! Das frage ich alle aus der Tiefe meiner Seele unermüdlich, immer wieder! Meine Herren Geschworenen, da werden wir ihn nun verurteilen, und er wird sich dann sagen: ‚Diese Menschen haben nichts für mich getan, nichts für meine Erziehung, meine Bildung, um mich besser zu machen, um mich zum Menschen zu machen. Sie haben mich nicht gespeist und getränkt, im Kerker haben sie den Nackten nicht besucht, und diese selben Menschen haben mich jetzt noch zur Zwangsarbeit verurteilt. Jetzt ist meine Schuld getilgt, jetzt haben wir abgerechnet, ich habe bezahlt, jetzt bin ich weder ihnen noch sonst jemandem etwas schuldig. Sie sind böse – nun, so werde auch ich böse sein. Sie sind grausam – so werde auch ich grausam sein.‘ Sehen Sie, das wird er sich sagen. Und ich schwöre Ihnen, meine Herren Geschworenen: mit Ihrer Schuldigsprechung werden Sie seine Schuld nur erleichtern, denn damit werden Sie seinem Gewissen das Schuldbewußtsein nehmen. Er wird das von ihm vergossene Blut verfluchen, aber nicht bereuen. Und zu gleicher Zeit vernichten Sie den Menschen in ihm, Sie nehmen ihm die Möglichkeit, noch ein Mensch zu werden, denn er würde dann sein Leben lang böse und blind bleiben. Oder wollen Sie ihn lieber schwer, grausam, mit der allerhärtesten Strafe bestrafen, die man sich nur denken kann, um dafür seine Seele aufzurichten und auf ewig zu retten? Wenn Sie das wollen, so erdrücken Sie ihn durch Ihre Barmherzigkeit! Sie werden sehen, Sie werden es hören, wie er zusammenzucken, und wie seine Seele erschrecken wird: ‚Mir diese Güte, mir soviel Liebe! – habe ich denn das verdient?‘ – wird das erste sein, was er ausruft. Oh, ich kenne, ich kenne dieses Herz, dieses stürmische, doch edelmütige Herz, meine Herren Geschworenen. Es wird sich vor Ihrer Tat niederbeugen, es sehnt sich nach einem großen Liebesbeweise, es wird entflammen und auferstehen, um dann nie wieder hinabzusinken. Es gibt Seelen, die in ihrer Begrenztheit die ganze Welt beschuldigen. Doch erdrücken Sie diese Seele mit Ihrer Barmherzigkeit, erweisen Sie ihr nur einmal im Leben Liebe, und sie wird ihre Tat verfluchen, denn es liegen viel, viel gute Keime in ihr. Seine Seele wird sich weiten und wird einsehen, wie barmherzig Gott ist, wie schön und gerecht die Menschen sind. Die Reue und die unermeßliche Schuld, die er von nun an abzutragen haben wird, werden ihn zuerst entsetzen und niederdrücken. Er wird nicht sagen: ‚Wir haben abgerechnet.‘ Er wird sagen: ‚Ich bin vor allen Menschen schuldig und bin der Unwürdigste unter ihnen.‘ Mit Tränen der Reue und brennender, quälender Rührung wird er ausrufen: ‚Die Menschen sind besser als ich, denn sie haben mich nicht verderben, sondern retten wollen.‘ Wie leicht ist es für Sie, diese Barmherzigkeit zu üben, denn bei dem Mangel jeder, auch nur einigermaßen glaubwürdiger Schuldbeweise, wird es Ihnen denn doch zu schwer werden, ihn schuldig zu sprechen. ‚Es ist besser, zehn Schuldige unbestraft zu entlassen, als einen Unschuldigen zu bestrafen‘ – hören Sie sie, meine Herren Geschworenen, hören Sie sie, diese erhabene Stimme aus dem vorigen Jahrhundert unserer ruhmreichen Geschichte? Wie, kommt es denn mir zu, mir geringem Menschen, Sie daran zu erinnern, daß das russische Gericht nicht nur dem Schuldigen eine Sühne auferlegen, sondern daß es den verlorenen Menschen retten will! Mag bei den anderen Völkern nach dem Buchstaben des Strafgesetzes gerichtet werden, wir aber richten nach dem Geist und der Bedeutung des Gesetzes, wir wollen die Rettung und die Wiedergeburt der Gefallenen! Und wenn es so ist, wenn Rußland und sein Gericht wirklich so ist, dann – vorwärts, Rußland! Und lassen wir uns nicht schrecken, oh, ängstigen Sie uns nicht mit rasenden Troiken, vor denen alle Völker voll Abscheu zur Seite treten! Nicht die irrsinnig jagende Troika, sondern der erhabene russische Triumphwagen wird ruhig und majestätisch ans Ziel gelangen. In Ihren Händen liegt das Schicksal meines Klienten, in Ihren Händen liegt auch das Schicksal unserer russischen Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie werden sie retten, Sie werden sie verteidigen, Sie werden beweisen, daß wir Männer haben, die sie aufrechterhalten, und daß sie in guten Händen ruht!“
XIV.
Das Urteil der Bauern
So schloß Fetjukowitsch, und der Ausbruch der Begeisterung im Zuhörerraum war dieses Mal unaufhaltsam wie ein Sturm. Niemand hätte ihm Einhalt tun können. Die Damen weinten, auch viele Männer waren dem Weinen nahe, und selbst zwei von den hohen Standespersonen vergossen Tränen. Der Vorsitzende ergab sich denn auch in die Lage und legte nur zögernd die Hand an die Glocke: „Einen solchen Enthusiasmus unterdrücken, das wäre ja ebenso gewesen, wie ein Heiligtum unterdrücken!“ sollen unsere Damen später gesagt haben. Auch der Redner war sichtlich und aufrichtig gerührt. Aber siehe da, in einem solchen Augenblick erhob sich plötzlich unser Hippolyt Kirillowitsch noch einmal, um zu entgegnen. Geärgert und höchst ungehalten blickte man ihn an. „Wie? Was soll das? Er wagt noch zu entgegnen?“ fragten sich die Damen empört. Doch selbst wenn alle Damen der Welt, und an ihrer Spitze sogar die Frau Hippolyt Kirillowitschs, sich dagegen empört hätten – es wäre unmöglich gewesen, ihn in diesem Augenblick noch aufzuhalten. Er war bleich und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die ersten Worte, die er sprach, waren völlig unverständlich: Er war atemlos, sprach alles undeutlich aus, schien sogar den Faden zu verlieren. Doch das legte sich bald. Ich will aus dieser zweiten Rede des Staatsanwalts nur einige Sätze anführen.