„Vielleicht kommt dies daher,“ dachte Aljoscha bei sich, „weil sie sich vor ihm schuldig fühlt und ihn deshalb in manchen Augenblicken sogar haßt.“ Er hätte gewünscht, daß es nur in manchen „Augenblicken“ gewesen wäre. In ihren letzten Worten hatte eine Herausforderung gelegen, das fühlte er, aber er nahm sie nicht auf.

„Ich habe Sie heute zu mir gebeten, nur um Ihnen das Versprechen abzunehmen, daß Sie ihn zur Flucht bereden werden. Oder ist es Ihrer Meinung nach tatsächlich unehrenhaft, zu entfliehen, nicht heldenmütig, oder sonst so was ... unchristlich etwa?“ fragte Katjä noch herausfordernder.

„Nein, n–nichts ... Ich werde ihm alles sagen ...“ murmelte Aljoscha vor sich hin. Plötzlich aber blickte er entschlossen auf und sah ihr in die Augen. „Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen!“ kam er ganz unerwartet mit seinem Auftrage heraus.

Katjä zuckte zusammen und fuhr unwillkürlich zurück.

„Mich ... ist denn das möglich?“ stammelte sie erbleichend.

„Es ist wohl möglich, und es muß sogar bestimmt geschehen!“ begann Aljoscha eifrig, da er unbedingt darauf bestehen wollte. „Es ist sehr nötig. Gerade jetzt! Ich würde nicht davon angefangen haben, schon allein, um Sie nicht vorzeitig zu quälen, wenn es eben nicht so unbedingt notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie ein Wahnsinniger, er will immer nur Sie sehen. Er bittet Sie nicht, hinzukommen und sich mit ihm auszusöhnen, sondern nur – nur, er will Sie eben noch einmal sehen! Sie können auf der Türschwelle stehen bleiben – sagt er. Seit jenem Tage hat sich vieles in ihm gewandelt. Jetzt begreift er, wie unermeßlich groß seine Schuld Ihnen gegenüber ist. Nicht um Ihre Vergebung bittet er Sie, – ‚Mir kann man nicht vergeben‘, sagt er selbst, er bittet Sie ganz einfach, sich nur einmal auf seiner Schwelle zu zeigen ...“

„Sie haben mich so plötzlich ...“ stammelte Katjä „– ich habe alle diese Tage geahnt, daß Sie damit kommen würden ... Ich habe gewußt, daß er mich rufen würde! ... Aber – es ist unmöglich!“

„Und wenn es auch unmöglich ist, so tun Sie es doch! Bedenken Sie nur das eine, daß er zum erstenmal begreift, wie sehr er Sie gekränkt hat, zum erstenmal im Leben begreift er es! Niemals vorher hat er es so im ganzen Umfange begriffen und so tief gefühlt. Er sagt: ‚Wenn sie sich weigert zu kommen, so werde ich mein ganzes Leben lang unglücklich sein.‘ Hören Sie: Ein Zwangsarbeiter, der zwanzig Jahre lang keine Sonne sehen wird, will noch glücklich sein! Haben Sie denn gar kein Mitleid? Bedenken Sie doch nur: Sie werden einen unschuldig Verurteilten besuchen,“ sagte Aljoscha stolz, „seine Hände sind rein, an ihnen klebt kein Blut! Um seines unermeßlichen zukünftigen Leidens willen besuchen Sie ihn jetzt! Kommen Sie, bringen Sie Licht in diese Finsternis ... Zeigen Sie sich nur einmal auf der Schwelle, das ist ja alles ... Das müssen Sie doch, das müssen Sie tun!“ schloß Aljoscha, unerbittlich die Worte „das müssen Sie“ betonend.

„Ich muß ... aber ich ... kann nicht! ...“ rang es sich wie ein Gestöhn aus Katjäs Seele hervor. „Er wird mich ansehen ... Ich kann nicht!“

„Ihre Blicke müssen sich noch einmal treffen. Wie werden Sie denn Ihr Leben weiterleben können, wenn Sie sich jetzt nicht entschließen?“