Die Knaben umringten ihn und sahen ihn mit erwartenden Blicken groß an.

„Meine Freunde, wir werden uns bald trennen. Ich werde nur noch eine kurze Zeit bei meinen beiden Brüdern bleiben, von denen der eine verschickt wird und der andere todkrank ist. Ich werde bald diese Stadt verlassen, und vielleicht auf sehr lange. So werden wir denn auseinandergehen, meine Freunde. Darum laßt uns hier am Steine, den Iljuscha so lieb hatte, das Versprechen ablegen – erstens Iljuscha, und zweitens uns gegenseitig nie zu vergessen. Was auch mit uns im Leben geschehen möge, und wenn wir uns auch zwanzig Jahre lang nicht sehen sollten, so wollen wir doch nicht vergessen, wie wir den armen Knaben beerdigt haben, auf den wir früher mit Steinen warfen, – erinnert ihr euch noch, bei der Brücke damals? – und wie wir ihn darauf alle so lieb gewannen. Er war ein lieber, guter und tapferer Junge. Er hielt die Ehre des Vaters hoch und litt unter der Kränkung, die dem Vater zugefügt worden war, und lehnte sich gegen sie auf. Und so wollen wir ihn, meine Freunde, unser ganzes Leben lang nicht vergessen. Und sollten wir uns auch mit den wichtigsten Dingen beschäftigen, sollten wir auch zu den höchsten Ehren gelangen oder in das größte Unglück geraten, – gleichviel, wir wollen nie vergessen, wie uns hier alle das eine Gefühl verband, das uns in der Liebe zu diesem armen Jungen besser gemacht hat, als wir es vielleicht von Natur sind. Meine Lieblinge ihr, meine Täubchen – erlaubt mir, daß ich euch so nenne, denn ihr alle scheint mir diesen hübschen schillernden Tierchen mit den munteren Äuglein so ähnlich zu sein, wenn ich eure guten, lieben Gesichtchen sehe – meine lieben Kinder, vielleicht werdet ihr nicht begreifen, was ich euch sage, denn ich rede oft sehr unverständlich, ihr werdet euch aber des Gesagten vielleicht doch einmal erinnern und meinen Worten dann beistimmen. Denn wißt, es gibt nichts, das höher, stärker, gesünder und nützlicher für das Leben wäre als eine gute Erinnerung aus der Kindheit, aus dem Elternhause. Man wird euch vieles über eure Erziehung sagen, aber eine schöne und heilige Erinnerung, die man noch aus der Kindheit sich aufbewahrt, kann oft die allerbeste Erziehung sein. Wenn der Mensch viele solcher Erinnerungen aus seiner Jugend hat, so ist er fürs ganze Leben gerettet. Und wenn auch nur eine einzige gute Erinnerung in seinem Herzen verbleibt, so kann auch diese einmal zu seiner Rettung dienen. Vielleicht werden wir später im Leben schlecht, vielleicht werden wir nicht die Kraft haben, eine schlechte Handlung zu vermeiden, wir werden vielleicht sogar über die Tränen der Menschen lachen, über Menschen, die dasselbe sagen, was Koljä vorhin ausrief: ‚Ich möchte für alle Menschen leiden‘, – ja, auch über solche Menschen werden wir vielleicht in unserer Bosheit lachen. Aber wenn wir auch noch so schlecht werden sollten, wovor Gott uns bewahren möge, so werden wir, wenn wir uns dessen erinnern, wie wir Iljuscha beerdigt, wie wir ihn in den letzten Tagen geliebt und wie wir soeben freundschaftlich an diesem Steine gesprochen haben – so wird doch selbst der Schlechteste und Spottlustigste von uns, wenn er zu einem solchen werden sollte, immerhin nicht innerlich darüber zu lachen wagen, daß er in diesem Augenblick gut und brav gewesen ist. Und nicht nur das: vielleicht wird diese Erinnerung allein ihn zurückhalten, Böses zu tun, und er wird sich besinnen und sagen: ‚Ja, ich war damals gut, tapfer und ehrlich.‘ Möge er bei sich lächeln, das tut nichts, der Mensch lacht oft über Gutes und Edles, aber er tut es ja nur aus Leichtsinn. Und ich versichere euch, meine Freunde, in dem Augenblick, in dem er lacht, wird er sich doch innerlich sagen: ‚Nein, es ist schlecht, daß ich gelacht habe, denn darüber darf man nicht lachen!‘“

„Genau so wird es sein Karamasoff, ich verstehe Sie, Karamasoff!“ rief ihm Koljä mit blitzenden Augen zu.

Die Knaben waren furchtbar aufgeregt und wollten alle etwas sagen, doch hielten sie sich noch zurück und starrten nur mit aufmerksamen Gesichtern zu dem Redner empor.

„Das sage ich nur in der Furcht, daß wir schlecht werden könnten,“ fuhr Aljoscha fort, „aber warum sollten wir denn schlecht werden, meine Freunde? Vor allem wollen wir doch gut sein, alsdann ehrlich und dann – niemals einander vergessen. Das wiederhole ich immer wieder. Ich gebe euch mein Wort, meine Freunde, daß ich niemals auch nur einen von euch vergessen werde: Kein einziges Gesicht, das ich jetzt vor mir sehe, werde ich je vergessen, und wenn auch Jahre und Jahre darüber vergehen. Soeben sagte Koljä zu Kartascheff, er wolle nichts davon wissen, ob er auf der Welt ist oder nicht. Ja, kann ich denn vergessen, daß Kartascheff auf der Welt ist, und daß er jetzt errötet, wie damals, als er Troja entdeckte und mich mit seinen lieben, guten, fröhlichen Augen ansieht? Meine Freunde, meine lieben Freunde, seien wir alle großmütig und tapfer wie Iljuschetschka, klug, tapfer und großmütig wie Koljä, und bescheiden, klug und lieb wie Kartascheff! Doch – warum rede ich nur von diesen beiden? Alle, meine Freunde, alle seid ihr mir lieb, alle schließe ich in mein Herz ein, und ich bitte auch euch, mich in euer Herz einzuschließen! Wer aber verbindet uns alle in diesem Gefühl, an das wir von jetzt ab unser ganzes Leben lang denken werden, wer, wenn nicht Iljuschetschka, der gute, der liebe Junge! Niemals werden wir ihn vergessen, eine gute Erinnerung werden wir an ihn in unseren Herzen bewahren, von jetzt an bis in alle Ewigkeit.“

„Ja, ja, bis in alle Ewigkeit,“ riefen die Knaben mit hellen Stimmen und begeisterten Gesichtern ihm zu.

„Wir wollen sein Gesicht nicht vergessen, seine Kleider, seine alten zerrissenen Stiefelchen, sein Grab und seinen unglücklichen Vater, und daß er allein gegen die ganze Klasse für diesen Vater eingetreten ist!“

„Wir werden ihn nicht vergessen!“ riefen wieder die Knaben, „er war tapfer, und er war so gut!“

„Ach, wie habe ich ihn geliebt!“ rief Koljä aus.

„Ach, Kinder, meine lieben Freunde, fürchtet das Leben nicht! Wie schön ist das Leben, wenn man etwas Gutes und Gerechtes tut!“