„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie sich, bitte.“
Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert, als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden, und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen, dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte.
„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein ruhiges Glück werden.“
„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht ewig lieben werde?“
„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit ihr nicht immer glücklich sein.“
Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“ Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte, daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne, edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war, was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar einer Art Begeisterung glich.
„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“
„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich geschickt –“
„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus. „Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes: ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen, den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein, als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis aufs letzte Wort! ...“
„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“