„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“

„Ja!“

„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“

„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“

Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht.

„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie: Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen, so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir gerade den Abschiedsgruß zu überbringen – so muß er sehr erregt, vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen sein.“

„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“

„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“

„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte, wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken und verstummte plötzlich.

„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe ich denn bis jetzt noch nicht dasselbe Vertrauen verdient?“