„Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.“
Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden, doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.
IX
Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.
Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot, nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, — sie gingen ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon, welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer zu Tode quält.
Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes, glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben, bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. — Und jetzt muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber nicht einmal das war möglich.
Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe, quälende Angst. Und in der Tat — das Haus sah böse und drohend aus. Das spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt. Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen, ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.