Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit argwöhnisch lauernden Augen.
„Was wünschen Sie?“ fragte sie.
Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch. Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, — anders redete er überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte — er freue sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.
Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden Widerstandskraft war, — Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem Eisgang bis zum andern zu baden, — schien er doch schmächtig zu sein. Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und Zwangsarbeit drohte.
„Ich habe mit Ihnen zu sprechen,“ sagte Peredonoff verlegen.
„Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post beraubt?“ schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal eintreten. „Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer eines Verbrechens?“
„Nein,“ sagte Peredonoff, „ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen. Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber ich habe nichts verschuldet.“
„Sie kommen also mit keiner Anklage?“ fragte Awinowitzkji.
„Nein, keineswegs,“ murmelte Peredonoff ängstlich.
„Nun, wenn es nichts Derartiges ist,“ sagte der Staatsanwalt mit geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, „so kann ich Ihnen wohl einen kleinen Imbiß anbieten.“