Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.
Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.
Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte, Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits liebenswürdig — europäisch liebenswürdig — zu erscheinen, ohne doch andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so, als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe eingetauscht.
Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig, daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch. Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich: er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder ruhig und zurückhaltend höflich.
Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade geordnet, — immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.
Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, — aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt hätte.
Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann — er war noch kleiner als Kiriloff — mit einem finnigen, unbedeutenden Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen: kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er für einen hellen Kopf — wie auch Kiriloff —, wiewohl er nur wenig wußte und als Arzt untüchtig war.
Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu gestalten; — zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, — die endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den nächsten Sommer.
Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte. Er sagte:
„Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest zusammenzuschließen, — und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis gekommen sind.“