Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte:
„Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau, daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben, Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett geht; du kannst sie dann entlarven.“
Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf.
Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.
XII
Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige — so schien es ihm, — schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren Frauen und Kindern in der Kirche waren.
In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden, — manche bekreuzigten sich gedankenlos, — sie dachten vielleicht an Dinge, welche der Kirche fernliegen, — andere wieder beteten andächtig. Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte, zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, — und jener antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte. Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht — wie übrigens alle groben Menschen — scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten: entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und böser Erscheinungsformen.