Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule, daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des Direktors gehört, — er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit, seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.

Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer — ein Priester — und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht. Dann lachte Chripatsch und sagte:

„In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu unterrichten, und stellen Sie sich vor, — ständig lachen seine Jungen. Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist, und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.“

Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung über Peredonoff etwas antwortete.

Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können, — und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.

Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten ausnahm.

Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden Gang, daß er Kopfweh hatte.

Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:

„Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden sie nicht?“

Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele, denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und sagte: