Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich.
„Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!“ schrie Wolodin. „Geben Sie ein Kissen!“
„Was der sich alles ausdenkt!“ sagte Warwara und lachte.
Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen, während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine Quadrille tanzten.
Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, — vielleicht infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit selbstgefälliger, stolzer Miene.
„Da hast du, Warwara,“ rief er, „näh dir das Hochzeitskleid.“
Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf. Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: „Das wollen wir noch abwarten, wer siegen wird“, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.
Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen Besuch zusammen; es war die Gruschina.
Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, — und ihre trockene Haut hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz. Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel. Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus, machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.
Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen Zipfel des Tischtuchs.