»Ja, tue das – morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer.


Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte, statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach

flüchtigem Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in braunen Schatten liegenden Augen.

Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger, dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat – der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie.

Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um einen Schatten bleicher

wurde, sagte er doch kein mahnendes oder bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches.

»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut – ich hatte beinahe Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.«

»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.«

»So – desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster rücken, bitte – da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich, mir die Blätter zu geben. Danke – ja – so ist’s gut. Das ist ja eine Menge! Fleißig scheint er zu sein.«