weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen. War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung dem Manne – und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben – gebracht hatte, nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten, was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in der langen Zeit ihrer Trennung.
– – Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau, gegen die er
viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?
Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus
eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers’ Leben in der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, – wie ihr das ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn es ihm gleichgültig war?
Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die Treppe, die nach oben führte, betreten.
Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung zurückgesandt wurden. Lütje schleppte
sie hinauf und rief Richard zu, sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters – zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers.
»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha.