Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde und mit den Fäusten
aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante, der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und manche trieben’s widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte sich nicht viel aus den Mädels.
»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten
immer nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.«
Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem – hatte der Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.
Aber dann stieß er sich ... Durchgänge –? War auf diesem Wege vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner Mutter gegenüber gehandelt hatte –? Seit Richard ihn kannte, schien ihm das Problem immer unbegreiflicher.
– Durchgänge – und das Wirkliche nur die Kunst? –
Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt.
In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers’ Ansichten angriff – ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben sich gelten lassen wollte – der bedeutend sei – wer hätte das bezweifeln können – aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt trauen dürfe.