Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen
jetzt so allein auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem Schicksal ausfechten mußte.
Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine heimliche Schuld an ihm zu sühnen.
In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das Freiwilligenzeugnis
zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen, nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten, sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige innere Gereiztheit fand ihre Entladung.
Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke.
Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf Brot und Verdienst rechnen.
Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte, das sei ohne
Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen wieder zuschanden machen.
Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers’ kaustischen Hohn