Schwäche, unter der du ja schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um irgendeinen lieben Jungen – es geht mir um meine Kunst – ach – was sage ich – meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden! In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert, das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage, es geht in dieser Angelegenheit keineswegs
um dein oder um mein Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte Entsagung zuzumuten ...«
Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich kann nicht, Franz – was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten! Das mit der Kunst – es ist gewiß wahr – aber es klingt so kalt – ich kann es doch nicht verstehen.«
Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte wieder zurück auf den Mann, den sie liebte – sie fühlte es so stark in dieser Stunde – und der ihr doch so fremd war und so Grausames von ihr forderte, während er still wartete.
»Gut denn – nimm Richard – ich schenk ihn dir – wenn es sein Glück ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will
ich ihn zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«
Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den herben Trank ihrer Zukunft kosten.
»Nein, Martha – das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide! Du bist seine Mutter – unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich ihn heute liebe – niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«
‘Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,’ flüsterte Martha zornig.
»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen: wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling kommen?