Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe
mit der gestrigen Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein, denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein. Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf: jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig
zu und nähte immer schneller weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.
»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese goldene Stunde!«
»Ach – es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie traurig.
»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange im Gemüt
rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau werden?«
Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.
»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst, ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal vorüber!«
»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst mich, Martha, – meine Stärke und meine