Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den Heften und den Toilettengegenständen, die Herr Dr. Schmidt nicht glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben.
Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn, eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in dieser Stunde.
Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn, türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger. Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben.
Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum Sonnenhimmel auf.
Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder – so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt!
Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten.
Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern, alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern. Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint, aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!« Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die flammende Abendröte.
Kriegswinter
Der Siegesjubel über die herrlichen Erfolge der Armeen war stiller geworden. Trotz der ungeheueren Niederlagen der Russen trieb das Zarenreich immer neue Menschenhorden aus seinen unermeßlichen Weiten hervor. Trotz der Besetzung Belgiens und der Eroberung von Frankreichs schönsten Provinzen hatte die Hoffnung auf einen glorreichen Frieden, auf den stolzen Einzug der Truppen durch das Brandenburger Tor noch immer keine Aussicht auf baldige Erfüllung. Auch bei unseren Feinden kämpften starke Mächte für heiligen Besitz. In den Franzosen war ein großer Ernst erwacht. Wie nun der Krieg sich gewendet hatte, war es für sie kein Eroberungskrieg mehr; es galt jetzt auch hier die Rettung des Vaterlandes vor den Barbaren. Denn als Barbaren, als Räuber und Mörder wurden ihnen die Deutschen von ihren Zeitungen hingestellt. Prediger und Lehrer scheuten sich nicht, alle die Lügen, die in Frankreich über die Deutschen verbreitet wurden, der Jugend als Wahrheit zu lehren und auf diese Weise ihre Herzen mit Haß zu erfüllen. In Deutschland galt es für unritterlich, die Feinde zu beschimpfen, aber das wollte man jenseits der Vogesen und des Kanals nicht glauben. Überall an den Fronten stand Tapferkeit gegen Tapferkeit, Opfermut gegen Opfermut.
Ein großes Warten auf Erlösung lag über der Welt.