England wollte Deutschland aushungern; kein neutrales Land sollte ihm mehr Nahrungsmittel liefern. Damit die innerhalb der deutschen Grenzen befindlichen Vorräte ausreichten, begann die Regierung Sparsamkeitsmaßregeln einzurichten. Noch nie, seit die Erde bestand, war einem Millionenvolk die tägliche Nahrung zugeteilt worden. Es schien eine so schwere Aufgabe, wie in der Geschichte von dem Mann, der den Wolf, die Ziege und den Kohlkopf in einem Boot über den Fluß bringen sollte. Fraßen die Pferde, die Kühe, Schweine und Hühner zuviel Kartoffeln, Hafer, Gerste und Weizen, so blieb für die Menschen nicht genug übrig. Verbot man, die Tiere mit dem kostbaren Stoff zu füttern, so starben sie, und es fehlte den Menschen wieder an Fleisch, Milch, Butter und Eiern. Und doch gelang die große Aufgabe, zum Erstaunen der Welt. Zuerst begann man einem jeden das tägliche Brot zuzumessen. Es wurden Brotkarten verteilt, auf die man es beim Bäcker holen mußte. Waren die vorgeschriebenen Abschnitte zu Ende, so gab's nichts weiter. Die Kaiserin und die Prinzessinnen erhielten nicht mehr als die ärmste Fabrikarbeiterin.
Manche unter Helmuts Kameraden in der Schule schimpften, obwohl sie noch reichlich Käse und Wurst zum Frühstück mitbrachten. Andere kauten tapfer ihre trockene Schnitte Kriegsbrot und ließen sich statt Fleisch und Käse von ihren Müttern Geld geben, das sie zu Zigarren für die Verwundeten, oder für die Väter und Brüder im Feld sparten. Zu den letzteren gehörte auch Helmut. Er hätte sich geschämt, Butter zu nehmen, während er sah, wie dünn sich die Mutter ihr Brot mit Marmelade strich. Die Leckermäuler, die jetzt noch Schokolade und Süßigkeiten lutschten, wurden von den übrigen Jungens verhöhnt und verspottet, denn einen Spaß wollte man doch von der Entsagung haben.
Frau Kärn fand eine Stelle bei der Brotkommission, wo die Karten verteilt wurden. Sie verdiente täglich vier Mark und fünfzig Pfennige. Das gab sie der Großmutter für den Haushalt. Da der Weg von ihrem Bureau nach Charlottenburg zu weit war, aß sie in der nächsten Mittelstandsküche. In allen Stadtteilen gab es solche Küchen, für das Volk, für die Künstler, für Beamte und andere bürgerliche Familien. Manche feine reiche Frau, die alle Finger voller Brillantringe trug, kochte dort das Essen, putzte Möhren, schälte Kartoffeln und achtete es nicht, daß ihre Hände rot und hart von der Arbeit wurden. Junge fröhliche Mädchen bedienten die Gäste, und auf allen Tischen standen Blumen. Helmut hätte am liebsten immer dort gegessen, er fand es viel lustiger als bei den Großeltern.
Überhaupt verlief dieser Winter etwas trübselig für ihn. Er vermißte Sonne und Luft und die gewohnte Arbeit in Feld und Garten. Hatte er die Pferde in der Koppel zusammengejagt, um ihnen den Stempel aufzubrennen, oder war er gewandt wie ein Affe in die Bäume geklettert, um die herrlichen Früchte zu ernten, von denen die Jungen hier nicht einmal die Namen wußten, ja, da war der Vater zufrieden gewesen und hatte ihn gelobt oder nur in sich hineingeschmunzelt. Da draußen hatte er seinen Mann gestanden, hier war er nichts als ein dummer, ungeschickter Schuljunge. Er sah es täglich, wieviel mehr seine Freunde aus der Tertia wußten und konnten als er. Der eine spielte Klavier, der andere die Geige. Karl Wilders machte die feinsten elektrischen Experimente, Georg Lange zeichnete wie ein Erwachsener und redete mit Pringsheim über die Bilder in den Museen, so daß Helmut die Haare zu Berge standen über ihre Klugheit. Zu Haus wurde er auch so viel gescholten, wie nie zuvor in seinem Leben. Entweder er hatte sich die Füße nicht abgetreten, oder die Türen zugeschlagen, oder er kam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, was die Großmutter durchaus nicht leiden wollte. Er verlor am Ende jedes Selbstgefühl und kam sich wie ein rechter Urwaldstölpel vor. Dabei wurde er immer unleidlicher. Die hübsche Gänseblume, die der Großmutter brav und geschickt zur Hand ging, wurde ihm beständig als Beispiel hingestellt, bis er sie am Ende nicht mehr ausstehen konnte. Er sprach nur noch das Nötigste mit ihr, ging brummig herum und fühlte sich einsam und unverstanden. Der Vater fehlte ihm an allen Ecken und Enden – niemals waren sie früher getrennt gewesen, immer hatten sie zusammen gearbeitet. Die Nachrichten von ihm liefen selten und spärlich ein. Er schrieb, sein Regiment werde vielleicht nach Polen versetzt, um an den Karpathenkämpfen teilzunehmen, und er sei zum Unteroffizier befördert, habe auch das Eiserne Kreuz. Das war eine Freude; Helmut erzählte es jedem, der ihm begegnete, sogar seinem Freunde, dem Schutzmann Müller an der Ecke der Schloßstraße, den er stets um Rat zu fragen pflegte, wenn er nicht wußte, welchen Tram er nehmen müsse, oder wie er zu gehen habe, um sich in der Riesenstadt nicht zu verlaufen. Dann aber hörten sie wochenlang nichts von dem Vater, wußten nicht, ob er noch lebte oder dort in dem fremden, verschneiten Gebirge gefallen war.
Bisher war es mild und regnerisch gewesen. Das Ende des Februar brachte mit einemmal noch einen großen Schneefall und gleich darauf harte Kälte. Alle Türme und Dächer trugen weiße Hauben, die Bäume glitzerten wie in Silber eingesponnen und mit weißen Blütenbüschen geschmückt; die Straßen waren glatt und schienen von der Sonne mit tausend Funkellichtern bestreut, nur die Geleise der Straßenbahnen zogen sich dunkel durch die lichte Pracht. Ein ungewohnter, märchenhafter Anblick für Helmut. Die Mutter hatte ihm in Brasilien oft vom Schnee erzählen müssen. Einmal, als er krank war und vor Fieberhitze glühte, hatte sie ihm die Geschichte von der schönen Königin erzählt, die am Fenster saß und nähte, und sie wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee; das solle dann Schneewittchen heißen. Helmut hatte die Mutter mit Fragen geplagt, wie weiß und wie kalt denn der Schnee sei. Die Affen hatten in den Mangobäumen gekreischt, wo sie sich Früchte stahlen; die Mutter hatte durchs offene Fenster auf die blütenumrankte Veranda gezeigt, auf deren Boden das Mondlicht hell und weiß lag, und hatte gesagt: »Das sieht beinahe so aus, als habe es geschneit.« Nun sah er den Schnee in Wirklichkeit und schritt lachend durch das Flockengewirbel. Schnell lernte er, die Schneebälle formen, und beteiligte sich mit Feuereifer an der Schlacht auf dem Schulhof. Als er vor der Haustür mit der Gänseblume zusammentraf, sauste der ein wohlgezielter Ball in den Nacken, so daß sie laut aufkreischte, ihn aber gleich gewandt zurückgab.
In früheren Jahren hatten sich bei jedem Schneefall sofort Hunderte von Schippern eingestellt, um zum Bedauern der Kinder die Straßen der Hauptstadt von der verkehrshindernden Decke zu befreien. Die Schipper taten jetzt in den Schützengräben ihre Arbeit. Darum wurde von den Lehrern die Jugend aufgerufen, ihr Amt zu versehen. Das gab einen Heidenjubel. In der einen Straße hackten, schaufelten und schippten die Backfische in ihren weißen, roten und blauen Sportjacken unter Aufsicht frischer jugendlicher Lehrerinnen, in der nächsten mühten sich die Buben, die sehnigen Gestalten der Jugendwehr mit ihren graugrünen Joppen, die schwarz-weiße Binde um den Arm; die Pfadfinder mit den seitwärts aufgeschlagenen Hüten kommandierten wichtig. Die Kleineren, ebenfalls in allerlei bunten Sweaters und Sportjacken, schlugen sich mit dem schweren Gerät herum, das sie, weil es für kräftige Männerarme berechnet war, kaum bewältigen konnten. Geschrei und Gelächter gab es auf beiden Seiten, und jeder tat seine Pflicht nach Kräften, wenn auch oft ein bißchen ungeschickt. Das war nun etwas für Helmut. Dergleichen verstand er besser als die Berliner Großstadtjugend. Er schwang die Spitzhacke, hieb in das festgefrorene Eis des Fahrdammes, daß es nur so eine Art hatte. Bald war er der Anführer einer ganzen Schar von Kameraden, die er anstellte, so daß Zug und Ordnung in die Sache kam. Im Laufe von zwei Stunden war die Straße glatt und rein, der Schnee zwischen Damm und Bürgersteig sauber aufgeschichtet. Strahlend, mit leuchtenden Augen und roten Backen kam er nach Haus. Zum erstenmal seit langer Zeit schwatzte er wieder lustig mit der Gänseblume und schilderte ihr drollig, wie zwei Primaner, solche, die schon Siegelringe und Bügelfalten trugen und die Aufsicht hätten führen sollen, sich an einen Kohlenwagen gelehnt und in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft hätten, statt sich um die Kleinen zu kümmern.
»Weißt du«, bemerkte er pfiffig, »sie sagten, sie führten ein wissenschaftliches Gespräch – dabei quatschten sie nur über Mädchen. Ich habe es genau gehört!«
Einige Tage später nahm seine Mutter nach dem Abendessen Hut und Mantel.
»Wo willst du denn noch hin, Mutti«, fragte Helmut, »es ist Glatteis und ganz gefährlich auf der Straße.«
»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde. Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei, wenn er an ihrer Seite bliebe.