Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände, auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen seines Alters – es waren wohl Konfirmanden – ihre Gegenwart gab ihm gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.
Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher Erhabenheit.
Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.
Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.
Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen, um ein teures Leben – Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.
Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts Arm.
»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«
Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.
»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht – mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur – die Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten – nein, wenn ich beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so grausam sein – wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein Gott der Güte ...«
Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.