Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie unsere schöne Bläß – die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst. Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte, und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort und unsere Bläß wurde wieder gesund. – Vielleicht – ich weiß ja nicht – es ist wohl dumm – ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch schrecklich lieb und stach so derb zu ...«

Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.

Eine Enttäuschung und neue Aussichten

Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt, weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank, lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen, man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte. Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.

Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen – er war zu gespannt auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die Lazarettstadt – so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.

Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen. Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden, jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen Helmuts. – Ja – einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann – dritte Kompagnie – freilich – war denn der nicht....

Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn – Friedrich?« »Nein, Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«, fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen? Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt – den Kärn, den hat's nu ooch....« »Ach, bewahre – was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß – er hatte sich's Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«

Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum braucht es noch nicht gefährlich zu sein – an Blut gewöhnt man sich da draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut, »was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben sie narkotisiert – weiter weiß ich nichts mehr. – Da drüben liegt noch einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«

Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.

»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den dort drüben« – er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund – »das ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts – da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf stört. Achtzehn Jahre – aber ein Mann, ein ganzer Mann!«