Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.

»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich – er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau, daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's, Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt – Mist muß gefahren werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's erlauben – die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.

Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung. Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? – Nein – da hatte er ganz andere Pläne im Sinn! Schweigen – nur schweigen und sich nicht verraten!

Helmut und Frau Ledderhose

Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof, um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut. Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«

Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten. Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf. Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte: »Schlafen – nicht essen! Arbeiten – gut essen! Verstanden?« – Na, er hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den andern beim Rübenstecken. –

Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof. Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.

Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei. »Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«

So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder, der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die Meisterleistung.