Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke, der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier, das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich. Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig. Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.
Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden, und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, – keine Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen. Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.
»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« – Sie schüttelte sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen, Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch muß sich zu helfen wissen.«
Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein Gedicht an sie zu machen. Das begann:
| Frau Anna Ledderhose, |
| Du hohe Königin, |
| Du liegst mir tief im Herzen, |
| Im Herz und auch im Sinn. |
Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so blieb es bei diesem einen schönen Verse.
Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.
»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag' nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe, wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich mindestens!«
Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen, sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen und konnten sich kaum von ihm trennen.
Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut. Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden, doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte: