Liebe Frau Ledderhose!
Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Helmut Kärn.
Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na – sie werden ihn schon baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und mit der armen Mutter reden! Übrigens – vielleicht bringt der tolle Kerl es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.
Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.
Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.
Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben, doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur gänzlich.
Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald
Der Regen rauschte – so ein rechter, fruchtbarer Frühlingsregen, unter dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät, Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde ragten aus der Verwüstung empor. – Doch an allen Ecken und Enden waren schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer, vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den Russen verzehrt!