Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern, eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen. Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern. Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt.
Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten.
Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu gelangen.
Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie schnell seine Barschaft sich verringerte.
In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige ab und die Flöhe bekam er umsonst – es waren nicht wenige! Denn auch hier hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte, daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand. In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. – Da waren sie einfach freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl, der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach niederzuknallen – nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte Helmut felsenfest.
Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten. Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht zu stärken.
Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut, und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte, war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen, einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts.
Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der einst ihr schmuckes Häuschen gewesen.