»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand. »Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was, meine trautste Marjell, wieder zu Haus – is doch besser, als die Füße unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch eine gewaltige Eiche. –

Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen, in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein. Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute sie an – so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als Kleider am Körper.

Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte, und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor und hielt sie den Kindern entgegen.

Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe, Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten. Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares mehr bei sich führte.

»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und Speisemarken für die Volksküche!«

»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt, solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter, schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen, dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort auch tote Pferde, die röchen schlecht.

Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen »Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten. Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel. Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen, daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann. Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die Stirn rannen.

Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen.

Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze. Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.: »Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.« Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum war bei allen dasselbe.

Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm des Waldes!