Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank, die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde.

Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches Treiben mitten hinein.

Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin, große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen.

Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald, kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er schon fest eingeschlafen.

Als Spion verhaftet

In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden. Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz: Eklig ist's ja – aber Donnerschock – ich kann das doch eher aushalten wie die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten!

Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees, des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch. Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig an – er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. – Er mußte von Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken, Zigaretten und Schokolade.

So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft. Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben.

In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte, drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen. Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut, wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei, den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches Kind gewesen sei.