So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter.
»Da sind sie ja – die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!«
Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch – und machst dich dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!«
»Ja, was ist denn nur los – erklären Sie mir blos in aller Welt ...?«
Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen. Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche, er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort: »Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute, sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! – Na, jetzt gibt's erst einmal eine ordentliche Leibesuntersuchung – dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas Anstößiges finden!«
»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut kleinlaut.
»Pässe – Pässe –!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär' nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!«
Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle! Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den Fäusten der zwei alten Landwehrmänner.
Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch – reckten die Köpfe nach ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte – welch ein unerträglich abscheulicher Gedanke!