In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein, trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten.

Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen, der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die Soldaten traten zusammen – Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte.

– »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen.

»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch.

»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise: »Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte solchen netten Eindruck!«

Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn. Das waren alles seine guten Freunde gewesen – und hielten ihn solcher Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es: »Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten!

Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt? Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches Schicksal, das ihn da erwartete....

Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar behalten ... Ja – nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen – nur das nicht!

Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich vernehmen!«

Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher.