Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch aus, der keine Hoffnung mehr hat.

– Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste, drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt zurecht.

In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin gefunden hatte, übereinstimmten.

Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß – dann Einzelheiten über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern.

Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer jämmerlich in sich zusammen.

Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen – ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und übersichtlich.

»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt, die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt und gestreichelt – nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. – Ja, in solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt, wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen. Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben – so lange bis wir Gewißheit haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.«

Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf – der Oberst hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war.

Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht.

Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige, die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst verkürzen, sagte er.«