Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung.
»Ja – bin ich denn frei?« fragte er verwirrt.
»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück.
»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich. »Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände – du siehst aus, als hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix! Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.«
Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen.
»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut. Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen. Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L. eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn Neues?«
Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue Pflichten.
Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht gewellte Land, seinem Ziel entgegen.
Der lange Lehmann und Onkel Jakobus
»Ja, lieber Junge – da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten – da vergeht den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder – ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert – die Mutter hatte schon schwarze Kleidung angelegt – da kam plötzlich über Schweden eine Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.« Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu gehorchen.