»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht, in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert, sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen Linien schwärmten die Mannschaften aus – mit großen Sätzen sprangen sie vorwärts – ha – von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre – ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf – Dampf und Qualm wallte um sie her – in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen entgegen – ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher! Dort an der Brücke, da freilich – nein wahrhaftig, die Unserigen müssen zurück – ah – eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was – da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen. Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich, Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme, die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen, sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine. Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut, stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest eingeschlafen.
Ein toller Ritt
Helmut hörte im Halbschlaf neben sich flüstern. Er wachte vollends auf, als eine rauhe Hand ihm vorsichtig übers Gesicht fuhr und ihm leise die Backe klopfte. Er hielt die liebe Hand fest und fragte leise: »Was gibt's, Vater?« »Höre, Junge, Gefreiter Schmidt sagt mir eben, beim Abtasten der Mauer sei ihm eine Stelle unter die Finger gekommen, wo Steine locker waren; am Ende ließe sich da ein Loch ausbrechen, durch das du dich durchzwängen könntest; bist doch gewandt wie 'ne Katze ...« »Ja Vater«, flüsterte Helmut atemlos, »und dann?« »Na – und dann siehst du zu, daß du dich bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...« »Und bringe euch Hilfe von den Unserigen. Ja, Vater! Das tue ich!« »Es geht um Tod und Leben, Helmut! Jetzt zeig', ob du wert bist, an der Front zu sein!« Helmut stand auf, streckte sich gerade. »Zu Befehl, Herr Feldwebel!« sagte er leise lachend. Der Oberlehrer Schmidt nahm ihn bei der Hand, führte ihn zu der Öffnung in der Mauer, an der zwei Soldaten mit den Händen die Erde aufgruben, um sie ein wenig zu erweitern. »Helmut«, flüsterte Dr. Schmidt, »ich danke dir auch noch, daß du mir das Buch über griechische Dichter und den Faust geschickt hast! Das war ein geistiges Labsal in dieser Kriegsarbeit! Sieh jetzt mal, ob du durchkommst. Der Alkohol hat seine Arbeit an denen da draußen gründlich besorgt!« Helmut legte sich auf den Bauch und steckte den Kopf durch die Öffnung. Ein zartes Mondlicht lag über der Heide und ein gewaltiges Schnarchen wie von einem vielköpfigen Ungeheuer drang zu den Wipfeln der breitästigen Kiefern empor. Nun den Augenblick benutzen und nicht noch Abschied nehmen! Helmut zwängte seinen schlanken, sehnigen Knabenkörper durch das Loch. Einen Augenblick dachte er steckenzubleiben – eine verdoppelte Anstrengung – die Jacke riß, ein Stück Ärmel hing fest – was tat's – er stand draußen. Mitten unter den von Schlaf und Trunk überwältigten Feinden! Ein ungeheures Triumphgefühl schwoll in der Brust des Knaben. Gleich einem Blitz schoß die Erinnerung an ein oft geschautes Bild in des Vaters Bibel ihm durch den Kopf: Schlafende Wächter vor dem Kerker des Apostels, der von dem Engel bei der Hand geführt, unversehrt zwischen ihnen hindurchschritt! Vorsichtig mußte es geschehen ... Ein falscher Tritt – das Erwachen eines der Männer – und fünf Minuten später würde er am nächsten Baum hängen –. Das wußte Helmut genau. Er fühlte, wie des Vaters Auge ihm durch die Öffnung der Scheunenmauer folgte! Wie eine Katze wand er sich, prüfte mit den nackten Zehen, denn er trug die Schuhe unter dem Arm, jedesmal, ehe er den Fuß aufsetzte, ob auch kein Zweiglein knacken, ob er nicht eine Hand, einen anderen Fuß berühren würde ... Jetzt hatte er den Ring, den die Feinde um ihre Gefangenen bildeten, durchschritten ... Da – regte sich nicht einer? Er duckte sich. Ein Grunzen drang aus der Kehle des Kosaken, indem er sich auf die Seite warf. Helmut stand, hielt den Atem an – nein es folgte ein zufriedenes Murren – der Russe schnarchte weiter. Helmut horchte auf. Zur Rechten klang das Wiehern und Stampfen der Pferde – dort mußte er hinüber durch den Mondschein.... – Ob Wachen ausgestellt waren? Er glitt auf den Boden, kroch wie eine Schlange durchs Heidekraut. An zwei russischen Soldaten kam er vorüber, die kauerten, die Flinten neben sich, die Köpfe auf die Knie gesunken, schliefen fest und tief. Doch einer von ihnen schien sich zu ermuntern. »Wer da?« fragte er leise, schlaftrunken auf russisch. »Kamerad, lieber Mensch«, antwortete Helmut gleichfalls leise auf russisch. Die Kenntnisse dieser Worte dankte er dem Aufenthalt bei Frau Ledderhose. »Gut, gut«, brummte der Russe. Helmut lag, ohne sich zu rühren, lange Zeit still, bis das friedliche Schnarchen wieder einsetzte. »Ästesägen«, nannte es der Vater. Nun schlich er sich zu den Gäulen. Den nächsten, der an eine Birke gebunden, ihre Rinde hungrig benagte, begann er zu streicheln und zu liebkosen. O – er wußte schon, wie man mit dem Pferde umzugehen hat, damit es Vertrauen bekommt und den Freund spürt. Jetzt knüpfte er es los, faßte es am Zügel, führte es vorsichtig über die Heidelichtung – Schritt für Schritt, seine Hufe klapperten kaum im weichen Moos und Kraut! Dann im Schatten eines einzelnen großen Baumes, die Stiefel an und aufgesessen. – Nun mit Schnalzen und leisen Lockrufen den Gaul angetrieben, daß er wie ein Wirbelwind durch das Heidetal stob, dem Walde zu! Unter der Deckung der alten Birken fühlte sich Helmut sicherer. Aufmerksam begann er nach dem Wege zu spähen, auf dem die Russen mit ihren Gefangenen gekommen waren. Gott sei Dank, hier bog die Straße, wie ein weißes, mondbeschienenes Band in des Waldes finstere Nacht. Nun konnte er nicht mehr fehlen! Vor Freude stieß er einen lauten Juchzer aus und ließ den wilden Vogelschrei folgen, mit dem die brasilianischen Hirten ihre Gäule anzufeuern pflegen. Das zottige Kosakenpferdchen verstand ihn, jagte mit dem deutschen Jungen auf dem Rücken wie der Teufel durch die Staubwolken, die seine Hufe aufwühlten. Nach einem scharfen Ritt von anderthalb Stunden spürte Helmut einen Brandgeruch, der immer stärker wurde. Er war auf der richtigen Fährte. Und nun hatte er auch die ausladende Waldecke erreicht, an deren Spitze er die Kosaken zuerst erblickt hatte. Jetzt kannte er sich aus. Vor ihm das flache Flußtal, jenseits des Wassers schwarze Rauchwolken, hochauflodernde Flammen – die brennende Ortschaft. Zwischen dem Brandherd und dem Flusse wimmelnde Massen von Militär ... Ob es Feind oder Freund war, konnte er nicht unterscheiden. Jedenfalls mußte er hinüber und sich Gewißheit schaffen. Er ritt noch eine Weile am Waldrand entlang – da waren die Spuren des mörderischen Kampfes – da lagen die Braven, die ihr Leben gelassen, stumm im Grase. Der Knabe biß die Zähne zusammen. Nur nicht hinschauen – erst das Ziel erreichen. »Kamerad!« so hörte er eine matte Stimme stöhnen. Nun hielt er doch, beugte sich nieder zu dem Flehenden. Es war der junge Leutnant Mansfeld.
»Lieber Herr Leutnant, ich reite eilig hinüber und bringe Hilfe! Haben Sie nur noch ein bißchen Geduld!«
»Dank – Dank«, flüsterte der Mund des Helden, und Helmut sauste davon.
Ja – ja – es waren deutsche Feldgraue –, im heller werdenden Morgenlicht sah er es nun deutlich.
Das war ein frohes Reiten! Durch den flachen Fluß ging's noch mit einer letzten Anstrengung – dann hielt er unter den Seinen.
Man half ihm vom Pferd. Schwindlig, von Staub und Schweiß unkenntlich, stand er zwischen den Soldaten, die ihn neugierig umdrängten.
Atemlos fragte er nach dem Hauptmann Breuer, seine Meldung zu machen. Man führte ihn schleunigst zu dem Offizier.