»Das werde ich Ihnen gleich sagen, Herr Müller«, antwortet Helmut stolz, denn der Schutzmann war ja sein alter Freund. Helmut hatte ihn hundertmal um Auskunft gefragt, wenn er sich in dem fremden Berlin nicht zurechtfand. Immer stand der Schutzmann mit dem blanken Helm über dem friedlichen rosenroten Vollmondgesicht an dieser Ecke auf treuer Wacht. Hinter seiner bärbeißigen Stimme verbarg er ein freundliches, hilfsbereites Wesen und eine unendliche Geduld.

»Ne nu seh einer – das ist ja der Brasilianer!« rief er jetzt lachend. »Du Ausreißer – ganz Berlin haben wir nach dir durchsucht.... Wo kommst du denn nun hergeschneit?«

Helmut zog aus seiner Brusttasche ein Papier und reichte es mit heimlichem Schmunzeln der hohen Obrigkeit.

Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen um die beiden versammelt. Einige Frauen waren gleich hinter dem grilligen alten Herrn aus dem Wagen gestiegen, um zu sehen, wie die Sache mit dieser rätselhaften Person sich weiterentwickeln würde. Und da gerade die Schule aus war, strömten die Jungen in hellen Haufen herbei.

Der Schutzmann entfaltete weitläufig das Aktenstück, in dem der Oberst des Regimentes Helmut Kärn bescheinigte, daß er das Eiserne Kreuz sich mit Recht und Ehren erworben habe durch die Rettung von achtzig deutschen Soldaten aus Feindeshand und durch seinen dabei bewiesenen Mut. Der Schutzmann las aufmerksam von Anfang bis zu Ende und betrachtete genau den Stempel des Regiments.

»Na, denn wäre ja woll alles in Ordnung«, sagte er, Helmut das Papier zurückgebend, »du bist ja ein Mordskerl! Aber trag' das Papier man lieber immer bei dir! So 'ne verwunderliche Sache – die glaubt sonst kein Mensch so 'nem Lausejungen! Meinen Glückwunsch!« Er legte salutierend die Hand an den Helm. »Lesen, lesen – laut lesen!« schrie es rings im Kreis von alten und jungen Stimmen. Helmut überfiel plötzlich eine fürchterliche Verlegenheit. Es war doch gar nicht leicht, sich zu Haus so richtig als Held zu benehmen. Er hielt sein wertvolles Aktenstück fest in der Hand, machte sich mit Puffen und Stößen heftig Bahn durch die andrängende Jungenschar und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Die Schuljungen mit Hallo und Geschrei ihm nach. Wie ein junger Hirsch entsprang er den Verfolgern, erreichte schweißtriefend das Haus, in dem die Großeltern wohnten und war heilsfroh, als die schwere Eingangstür hinter ihm ins Schloß fiel.

Dreimal riß er oben an der Wohnungsklingel, wie es seine Art war, wenn er hungrig aus der Schule kam. Drinnen entstand ein Lärm, ein Umstoßen von Stühlen, ein Rufen: »Das ist er – Helmut – Helmut!«

Die Tür wurde aufgerissen, lachend und weinend küßte ihn seine Mutter.

Hinter ihr zwischen der Gänseblume und der Großmutter erschien noch ein anderes blühendes, braunäugiges Gesicht. Dort stand Frau Anna Ledderhose, die der Mutter in der schweren Zeit treulich geholfen hatte. Am Kaffeetisch bei all den lieben vertrauten Menschen konnte Helmut nun nach Herzenslust erzählen und berichten von seinem reichen, ernsten Erleben. Die Mutter hielt seine Hand, die sie immer wieder streichelte und drückte. Nachher, als sie beide allein waren, gab er ihr das Aktenstück und nahm das Ehrenzeichen von seiner Jacke.

»Du, Mutti, verwahre es mir, bis ich erwachsen bin«, sagte er »dann will ich's tragen. Jetzt so als ein Wundertier in Berlin herumlaufen und in der Schule protzen – dazu ist mir das Eiserne Kreuz zu heilig.«