Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte, mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu hören.

»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse. – Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«

Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti – wir kommen ja bald wieder – fürchte dich doch nicht!«

Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.

»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?«

»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's noch schaffen?«

»Die sollen sich wundern – die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut. »Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was? Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir beide zusammen losgehen!«

»Ach, wo denkst du hin – bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange nicht!«

Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater – du machst Spaß – ich weiß doch, du nimmst mich mit!«

»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden, einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen – immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder, die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten. Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen. – Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen. Das mußte mancher – am besten war's, man dachte nicht weiter darüber nach.