Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein.
Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung singend um den Hals fielen.
Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment wählen?«
Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters glitt ein vergnügtes Schmunzeln.
»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er.
»Wehrklasse – was ist das?«
»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure ich! Wie alt sind Sie denn?«
»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer.
»So, so – na – da ist jetzt noch nichts zu wollen – hoffentlich dauert der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!«