Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß – bis zur Decke seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen, die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden – alles gefiel ihm wohl – es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die Ketten, die er aufgezogen hatte – seine Photographie auf Philli, dem kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«

»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung, Charlottenburg-Berlin!«

Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.

»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!

Dort unten liegt der Hausgarten.«

Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.

Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte, fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.

Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen. Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider! Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in sein Haus aufzunehmen.

Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen Freunde angewiesen!

Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.