An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich, zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte. Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch immer was zu schwatzen.

Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also »Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.

Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte von anderen, viel wichtigeren Dingen.

Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg – ein neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen – Antwerpen war in unseren Länden – Hindenburg hatte die Russen geschlagen! Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.

Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.

Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die, an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über die man daheim jubelte.

Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend, daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit dabeigewesen. – Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn übrig.

Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!

Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast.

»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte man gut, das ist ein Durchgänger!«