»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das sagt sich wohl so – nur –: über vierzehn Tage geht's fort, und dann muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, – er hat Ehre im Leibe!«

»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß. »Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht, für alle Fälle – was meinste woll – hat sie doch mein Karle gleich rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich saß – un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na – Vaterlandsverrat – das is ja nu en jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.«

Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte einer.

»Wo wer ick nich! Janz neu war er – aber ick denke man so bei mich: Et is doch nischt Reelles! Gold is besser.«

»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert – na, es haben noch ein paar andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.«

»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll unterschlupfen!«

»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der Dr. Schmidt das Wort, »wofür sind denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!« Dr. Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt IV zu fragen, er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt Schmidt IV – es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment – dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle.

»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch recht sind.«

Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn, seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte den Jungen, ihr Klassenlehrer, Dr. Gundermann, habe vor Maubeuge den Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und schrecklich – der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten. Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen, die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah, die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen. Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte.