Warum hat Watt nicht bereits selber seine Dampfmaschine dazu verwendet, Schiffe und Wagen zu bewegen? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil er Geld verdienen mußte, um für seine Familie zu sorgen, und seine ganze Arbeitskraft brauchte, um die Maschinen fertigzustellen, die für die Bergwerke, die Walzwerke, Brauereien, Hochöfen und sonstige Betriebe benötigt wurden. Zwanzig Jahre lang hatte es gedauert, bis er auf einen grünen Zweig zu kommen begann. Zehn Jahre, das heißt: solange die Sohoer Fabrik noch keine Überschüsse erzielte, war Watt dem Namen nach Geschäftsteilhaber von Boulton, im Grunde aber, da er jährlich von der Firma 6600 Mark Gehalt erhielt, deren freilich unentbehrlicher Ingenieur. Indessen haben die Lebensschicksale andrer Erfinder, zum Beispiel Porters, gezeigt, daß kaufmännische Leiter intelligent genug sein können, den besten und unentbehrlichsten Mann aus dem Geschäfte zu drängen. Wäre Boulton nicht mehr als ein reiner Geschäftsmensch gewesen, Watt hätte schwerlich bei ihm ausgehalten. Vorläufig war er ja nur Angestellter und dachte gar nicht daran, immer auf neue Erfindungen auszuschauen, die sich vielleicht erst nach Jahrzehnten verwerten ließen. Lief er ja doch bei jeder Erfindung Gefahr, bestohlen und um die Früchte seines Geistes gebracht zu werden. Als Murdock, nach den Besitzern der beste Mann der Firma, 1784 eine Lokomotive baute, war Watt dagegen, nicht nur, weil er einen Eingriff in seine Patentrechte befürchtete, sondern weil er einen so fähigen und unersetzlichen Mann wie Murdock nicht auf Gebieten sehen wollte, wo er von den dringenden Aufgaben des Tages abgezogen würde. Wenn nun aber Watt auch sich nicht weiter mit der Verwertung der Dampfmaschine für Schiffahrt und Fuhrwerke befaßte, so hat er doch immer noch eine ganze Reihe andrer Erfindungen und Entdeckungen gemacht. Die allerbekannteste und heute in kaufmännischen Betrieben überall verbreitete ist die Kopiermaschine ([Abbild. 23]). Watt hatte, während er von Boulton getrennt war — es mußte sich ja jahrelang fast immer einer von den beiden im Minenbezirk Cornwall aufhalten, um bei den Maschinen nach dem Rechten zu sehen, — fast täglich ausführliche Briefe an Boulton zu schreiben. Beide Männer standen schriftlich in ununterbrochenem Gedankenaustausch. Da brachte die lästige Pflicht, Abschriften von diesem Briefwechsel zu machen, den Erfinder auf ein mechanisches Verfahren zur Herstellung solcher Abschriften. Die Kopierpresse, anfänglich als Walzenpresse ausgeführt, wurde erfunden. Boulton führte sie 1780 ins Geschäftsleben ein, indem er sie zuerst in London der vornehmen Welt und den Parlamentariern zeigte. Die Maschine begegnete großem Widerwillen. Man fürchtete, die Münz- und Notenfälscher würden das Papiergeld auch mit einer solchen Maschine nachahmen, und an falschem Gelde lief im Lande schon genug um. Einige Tage lang schimpfte ganz London über die Erfindung. Hörte Boulton doch selber, wie man ihn an den Galgen wünschte. Trotzdem trat die Maschine bald ihren Siegeszug um die Erde an.
Abb. 23. Kopierpresse (Zeitschr. d. Ver. D. Ing. 1896.)
Für die verschiedenen Typen von Maschinen, die in Soho hergestellt wurden, stellte Watt in Verbindung mit Southern Rechenformeln zur Abmessung der voneinander abhängigen Größen auf. Daß er den gewöhnlichen Rechenschieber durch Zufügung logarithmischer Skalen verbesserte, erinnert uns an Watts Landsmann Lord Napier, den Erfinder der natürlichen Logarithmen, zu dessen Bild Watt von Kind auf im Vaterhause aufgeschaut hatte.
Napier war auch Erfinder der Rechenstäbchen, die die Vielfachen der einzelnen Ziffern bis zum Neunfachen enthalten. Watt aber war eine Zeitlang damit beschäftigt, eine Rechenmaschine zum Multiplizieren und Dividieren zu erfinden.
Das Bestreben, in den Kesselfeuerungen eine möchlichst rauchfreie Verbrennung zu erzielen, führte Watt 1787 im Briefwechsel mit Argand zu Vorschlägen für verbesserte Lampen mit ständiger Ölzufuhr durch ein kleines Pumpwerk mit Federbelastung und Aufziehwerk. Dieser Gedanke ist, wie Prof. Ernst in seiner Arbeit über Watt und die Grundlagen des modernen Dampfmaschinenbaues schreibt, erst vor fünf Jahrzehnten in Deutschland bei der Moderateurlampe verwendet, durch die Petroleumbeleuchtung aber verdrängt worden. Im Jahre 1788 teilte Watt seinem berühmten Freunde Black mit, er habe ein neues Instrument erfunden, das gestatte, sehr einfach das spezifische Gewicht von Flüssigkeiten zu ermitteln. Es war eine sich in zwei Äste gabelnde Glasröhre, die mit der Mündung des einen Astes auf die Einheitsflüssigkeit, mit der andern auf die zu bestimmende Flüssigkeit gesetzt wurde. Dabei standen die beiden Flüssigkeitsspiegel gleich hoch. Saugte man oben an dem gemeinsamen Stiel, so traten die Flüssigkeiten in die Röhrenäste ein, die leichteren höher, die schwereren tiefer. Maß man nun, das Wievielfache der niederen die höhere Flüssigkeitssäule war, so hatte man das spezifische Gewicht der zu bestimmenden Flüssigkeit in Hinsicht auf die als Einheitsflüssigkeit benützte.
Die bleichende Wirkung des Chlors lernte Watt durch einen französischen Freund Berthollet kennen, und er veranlaßte daraufhin seinen Schwiegervater Macgregor, die Chlorbleiche in die Gewebeindustrie einzuführen. Ebenfalls für seinen Schwiegervater tätig war er durch Erfindung der Walzentrockenmaschine mit Dampfheizung (1781). Bis in die letzten Tage seines Lebens beschäftigte er sich mit der Herstellung einer Kopiermaschine für Medaillen und Büsten in Metall, Holz, Stein und Elfenbein. Viele dieser Büsten gelangen sehr gut und wurden Freunden »als Versuche eines jungen Anfängers«, geschenkt, wie Watt scherzend zu sagen pflegte.
Auf seine Erfindungen zur Verbesserung der Nivellierinstrumente, das prismatische Mikrometer, eine Teilungsschraube, die einen Zoll in tausend Teile teilte, und dergleichen wollen wir nicht weiter eingehen. Watt gehörte als Boultons Freund der sogenannten Mondgesellschaft an, einem erlesenen Kreis hervorragender Männer der Wissenschaft und Literatur, der sich zur Vollmondszeit versammelte, damit das große Licht den Heimweg erleuchte. Zu diesem Kreise gehörte auch Priestley, der Verfasser liberaler theologischer Streitschriften, einer Geschichte der Elektrizität und Entdecker des Sauerstoffs, ein ungemein vielseitiger Mann, der sich den glücklichsten Menschen nannte, immer heiter dreinblickte und doch stets in einen Federkrieg verwickelt war. Watt erlebte es mit, daß zur Zeit der französischen Revolution eine betörte Volksmenge unter dem Rufe »Kirche und König« das Haus Priestleys anzündete. Der große Chemiker und Theologe mußte damals fliehen, und tagelang wütete die offenbar von orthodoxen Geistlichen aufgestachelte Menge in Birmingham, so daß auch Boulton und Watt für ihre Sicherheit fürchteten, obwohl sie bekannt dafür waren, daß sie mit »Kirche und König« gingen. Durch Priestley lernte Watt den Versuch kennen, bei dem eine bestimmte Mischung brennbarer und entphlogistisierter (unentzündlicher) Luft (modern ausgedrückt: eine Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff oder von gewöhnlicher Luft und Wasserstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wird. Dabei wurde beobachtet, daß sich nach der Entladung am Glasgefäß innen Flüssigkeitströpfchen wie Tau ansetzten. Warltire stellte das gleiche Experiment an, um zu sehen, ob Wärme schwer ist oder nicht. Wir müssen uns in diese Zeit zurückversetzen, die noch nicht die Zusammensetzung des Wassers, auch nicht die Natur der Wärme als einer Kraft kannte, sie vielmehr für einen Stoff hielt. Auch Cavendish, der die Zusammensetzung der Luft entdeckt hatte, machte 1781 diesen Versuch, und er beobachtete ebenfalls den feuchten Niederschlag. Cavendish soll sofort vermutet haben, daß das Verschwinden der entphlogistisierten Luft, des Sauerstoffs, und das Erscheinen des wässrigen Niederschlages im Zusammenhang ständen und auf die Zusammensetzung des Wassers hinwiesen. Ende Januar 1784 stellte Cavendish seine Versuche an und gab dann seine Auffassung, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff bestehe, der Gelehrtenwelt bekannt. Vor ihm aber hatte Watt schon als der Mann, der seit Jahrzehnten Zeuge war, wie Wasser in Luft (das heißt in Dampf) überging, herausgefunden, daß, wenn ganz trockene brennbare Luft (Wasserstoff) und ganz trockene entphlogistisierte Luft (Sauerstoff) durch den elektrischen Funken entzündet wurden, nach Abkühlung des Gefäßes die Menge des an der Innenwand des Gefäßes haftenden Wassers nahezu dem Gewicht der ganzen Luft gleich war. Daraus schloß Watt: das Wasser entsteht aus entphlogistisierter Luft (Sauerstoff) und brennbarer Luft (Wasserstoff) oder Phlogiston, das seiner latenten Wärme teilweise beraubt ist und sich mit Wärme und Licht vereinigt hat. »Und wenn Licht nur eine Modifikation von Wärme ist oder ein wesentlicher Bestandteil von Phlogiston, dann besteht reine Luft aus Wasser, das seines Phlogistons oder seiner latenten Wärme beraubt ist.« Das heißt: reine Luft ist Wasser ohne Wasserstoff, also Sauerstoff. In einem Briefe an Priestley setzte Watt 1783 seine Theorie auseinander. Dieser Brief, bestimmt vor der angesehensten Londoner Gelehrtengesellschaft, der Royal Society, vorgelesen zu werden, kam durch Watts eigene Schuld erst April 1784 zum Vortrag, nachdem Cavendish im Januar vorher seine Ansicht gleicher Richtung bekanntgegeben hatte, ohne Watt zu nennen. Watt hat Cavendish des »plagiarism«, des wissenschaftlichen Diebstahls einer Idee, beschuldigt, auch gibt es von ihm folgende briefliche Bemerkung: »Ich hatte, wie andere große Männer, die Ehre, mir meine Ideen gestohlen zu sehen. Nachdem ich meinen ersten Aufsatz über den Gegenstand schrieb, setzte Dr. Blagden (Cavendishs Freund und Vermögenserbe) meine Theorie Herrn Lavoisier in Paris auseinander. Bald darnach erfand Lavoisier sie selber und las einen Aufsatz über den gleichen Gegenstand vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Seitdem hat Herr Cavendish eine Abhandlung vor der Königlichen Gesellschaft über die gleiche Idee vorgelesen, ohne mich im mindesten zu erwähnen. Lassen Sie uns beide immer in unsrer Vorwurfslosigkeit verharren und solche Verfahren verachten!« Später, nach Jahren, soll Watt sich weniger scharf über Cavendish ausgesprochen haben. Doch ist hier nicht der Ort, diese Frage zu entscheiden. Es genügt, daß Watt unbestritten als erster Entdecker in Frage kommt.
Und nun haben wir noch ein Verdienst Watts zu erwähnen: seinen Anteil an der Einführung eines für Europa und damit für die Erdenmenschheit einheitlichen Maß- und Gewichtssystems. Wir erinnern uns, daß Watt Deutsch lernte, um Leupolds großes technisches Werk »Schauplatz der Maschinen« lesen zu können. Ebenso erlernte er nach Robisons Zeugnis das Italienische. Watt fand beim Studium fremdsprachlicher Gelehrtenwerke den Mißstand, daß zur Vergleichung der Größenangaben immer von einem Land zum andern umgerechnet werden mußte. So schlug er denn schon 1783 vor, man solle von der Längeneinheit ausgehen, zur Gewichtseinheit die mit Wasser gefüllte Kubikeinheit nehmen, die Gewichtseinheit nach dem Zehnersystem von 1 bis 10000 abstufen, die Flüssigkeiten wägen, nicht messen und die Gewichte der Gase auf die Kubikeinheit des Wassers beziehen, so daß spezifische und absolute Gewichte durch die gleiche Gewichtseinheit ausgedrückt würden. Als Längeneinheit sollte das Sekundenpendel gelten, wie es Huygens bereits vorgeschlagen hatte. Statt des Sekundenpendels wurde später von der französischen Akademie der Wissenschaften das Meter gewählt. Schon 1783 brachte Watt dieses Maß- und Gewichtssystem französischen Gelehrten nahe, und da Watt mit Laplace, Monge, Berthollet und andern hervorragenden Franzosen Briefe tauschte, auch bei einem Aufenthalt in Paris persönlich mit ihnen verkehrte, so ist sein Verdienst um diese ideelle Einigung Europas nicht abzustreiten. Auch in dieser Hinsicht hat er fast buchstäblich »Werte umgewertet«.